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Caesius, Georg

„M. Georgius Caesius Rotenburgensis“; „Rotenburgensis, Pfarherr zu Leutershausen“; „Rotenburgensis, jtzt zu Burckbernhaim“; „Rotenburgensis, Pfarherr zu Burckbernheim“ (Selbstbezeichnungen auf den Titelblättern, zit. 1568, 1579, 1582, 1583)
* 17.5.1543 Rothenburg ob der Tauber, † 4.9.1604 Burgbernheim
Kalender seit 1566, verfaßt bis 1605

Georg Caesius wurde am 17. Mai 1543 als Sohn von Matthias Grau (auch Groe), der Name der Mutter ist nicht bekannt, in Rothenburg ob der Tauber geboren. Bis 1562 besuchte er das dortige Gymnasium. Der Rektor → Abdias Sixtus Wickner (1528–1564) hat ihn für die Astronomie und Astrologie begeistert, denn er veröffentlichte 1561 eine astronomische Abhandlung (Wickner, 1561) und für 1561 bis 1564 jährlich ein „Prognosticon … cum Calendario“ (Ulshöfer, 1990/1991, S. 142f.). Caesius – er hatte seinen Namen latinisiert – hielt als Schüler eine Rede „de collatione solis et lunae cum filio die et ecclesia“ (Ulshöfer, 2002, S. 70). So bestens vorbereitet, studierte er von 1563 bis 1565 in Wittenberg (Förstemann, 1841, Bd. 2, S. 46 „[1563] Mart. 28. Georgius Caesius Rotenburgensis“) Theologie und hebräische Sprache (Prognostikum für 1569, S. C1a). Im Rückblick formulierte er selbst die Essenz seines Studiums: „Vnd was ich für mein Person in der Astrologia weiß vnd kan/ vnd in meinen Practicken dise 15. Jar vber vom 66. biß auff diß 81. fürgebracht/ das habe ich fürnemlich in der löblichen Vniuersitet Witteberg Anno 63. 64. vnd 65. von Herrn Sebastiano Theodorico seligen/ der vns die Bücher Ptolemaei de praedictionibus Astronomicis publicè für gelesen vnd erkleret/ Studirt vnd gelernt“ (Prognostikum für 1581, S. B2b; vgl. Ptolemaeus, 1553). Daneben hörte er die mathematischen Vorlesungen von Bartholomaeus Schönborn (1530–1585), der 1563 in einer Vorlesung für die niedere Mathematik auch die Berechnung des astronomischen Kalendariums („Computus seu calendarium Astronomicum“) und die Erstellung von Geburtshoroskopen („Compendium Astrologici de Nativitatibus“) erklärte (Schöneburg, 2010, S. 35). Caesius erwähnte ebenfalls den Astronomen und Arzt Caspar Peucer (1525–1602) als seinen Lehrer an der Universität Wittenberg (Matthäus, 1969, Sp. 1087). Am 23. August 1565 wurde er in Wittenberg Magister artium (Lochner, 1604, S. C2a; UA Halle, Rep. 1, Nr. XXXXV, 1, Bd. 2, S. 199, Nr. 12) und kehrte anschließend nach Rothenburg zurück, um die Stelle als Diakon an der St. Jakobs-Kirche anzutreten (Simon, 1957, S. 65). Am 3. November 1565 heiratete Caesius die Witwe seines Lehrers, Anna Wickner (?–1572), die vier kleine Kinder in die Ehe einbrachte (Kempkens, 2011, S. 69). Nachdem diese 1572 gestorben war, heiratete Caesius am 2. Juni 1572 Magdalena Dorst (oder Dorsch) aus Rothenburg. Aus dieser Ehe ging der Sohn → Georg Friedrich hervor, der ebenfalls Kalendermacher wurde und die Kalenderarbeit des Vaters fortführte. Nachdem auch seine zweite Frau gestorben war (1575), heiratete er am 6. September 1575 Barbara Müller aus Wassertrüdingen bei Ansbach. Nach ihrem Tod 1600 (?) heiratete Caesius Barbara Kok aus Jochberg bei Leutershausen.
Im Sommer 1567 vollendete er seine „Practica Oder Prognosticon“ für 1568 (überliefert in der SB Regensburg, 999/Philos. 2050/2068), die er dem Rat der Stadt Rothenburg widmete und in Regensburg bei Johann Burger drucken ließ. Caesius bekannte in dem am 27. März 1567 unterzeichneten Widmungsschreiben, daß er in der Kunst des Prognostizierens zwar „noch ein geringer anfenger oder schuler“ sei, aber dennoch „jetz widerumb auff diß künfftig 1568. jar nach Christi geburt. Vnterstanden/ Ein kurtze Prognostication“ zu schreiben (S. A3b). Bereits dieses „jetz widerumb“ deutet darauf hin, daß er auch schon davor ein Prognostikum verfaßt hatte. Nach eigener Aussage begann er damit für das Jahr 1566 (Prognostikum für 1581, S. B2b, siehe das Zitat oben). Obwohl ein Kalender erst für 1572 überliefert ist, wird auch Caesius bereits für die Jahre ab 1566 jeweils einen Kalenderteil verfaßt haben, denn im Prognostikum für 1569 erwähnte er sein „Prognosticon […] neben dem Callendario“ (S. B4a; vgl. Matthäus, 1969, Sp. 1088).
Häufige Druckfehler lateinischer Worte ließen Caesius nach einem neuen Drucker suchen. Nürnberg war damals – neben Erfurt – eines der Zentren für den Kalenderdruck, so daß er dort mit Valentin Fuhrmann einen neuen, noch weitgehend unbekannten Drucker fand (vgl. Reske, 2007, S. 693–695), der schon 1570 seine „Practica Teutsch“ für 1571 druckte und vertrieb.
1574 übernahm Caesius das Amt des Stadtkaplans an der Pfarrkirche in der markgräflichen Residenzstadt Ansbach. Die zusätzliche Aufgabe, Assessor des dortigen Konsistoriums zu werden, konnte er nicht übernehmen. Der Grund ist unklar: Entweder lag es an den Vorwürfen, er sei als Melanchthon-Anhänger Krypto-Calvinist, so daß er theologisch nicht am besten die reine lutherische Lehre vertreten würde (vgl. Matthäus, 1969, Sp. 1089). Oder die Behauptung von Michael Lochner, dem Verfasser der Leichenpredigt für Caesius, stimmt, die mit dem Amt des Assessors verbundenen Visitationsreisen hätten ihn körperlich zu sehr überfordert, weil er ganz einfach zu „schweren leibs“ dafür gewesen sei (Lochner, 1604, S. C2b).
Caesius verkehrte auch am Hof des Markgrafen Georg Friedrich (1539–1603). Dieser ernannte ihn 1577 zum Hofastronomen ohne Residenzpflicht, aber mit der Verpflichtung, ihm jährlich einen Kalender als Neujahrsgeschenk zu überreichen. Caesius erhielt als jährliche Bezahlung eine „Verehrung“ von 25 Gulden (Matthäus, 1969, Sp. 1089). Schon das „Prognosticon Astrologicum“ (samt Kalender) für 1575 und den „Schreybkalender“ (mit Prognostikum) für 1576 dedizierte er dem Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach. Sein Drucker Fuhrmann nutzte den Umstand, die Kalender eines Hofastronomen zu drucken, und warb auf dem Titelblatt mit dem markgräflichen Wappen. Dem Leser wurde somit suggeriert, er erhalte einen amtlichen Kalender. Diese verkaufsfördernde Strategie findet man auch bei einigen anderen Kalendern, z. B. bei denen von → Bartholomaeus Scultetus mit dem doppelköpfigen Reichsadler, von → Johannes Schulin mit dem Wappen der Gemahlin des Markgrafen, Sophie von Braunschweig-Lüneburg, oder von → Simon Marius, dessen Kalender ab 1602 ebenfalls das markgräfliche Wappen tragen.
Caesius trug zum Erfolg seiner Kalender auch selbst bei, denn er verteidigte in seinen Dedikationen die Astrologie gegen die große Schar von Kritikern, und fügte bei den Prophezeiungen immer wieder Ergänzungen aus der Heiligen Schrift ein, wodurch seine Texte „von einer bisher ungewohnten pastoralen Rhetorik erfüllt“ wurden (Matthäus, 1969, Sp. 1090). Für seine astronomischen Angaben in den Kalendern und Prognostiken nutzte er zuerst die „Ephemerides“ des Astronomen Cyprian Leowitz (1524–1574) (Prognostikum für 1581, S. C1a; vgl. Leowitz, 1557) und ab 1601 die „Ephemerides“ des Astronomen und Kalendermachers → David Origanus (1558–1628) (Prognostikum für 1601, S. B1a; vgl. Origanus, 1599).
Von 1577 bis 1580 übernahm Caesius sowohl das Amt des Pfarrers als auch des Seniors des Kapitels in Leutershausen, bevor er 1580 mit Unterstützung des Markgrafen die reiche Pfarrerstelle in Burgbernheim übernahm (Simon, 1957, S. 65; vgl. Matthäus, 1969, Sp. 1090). Dort starb er am 4. September 1604 (Lochner, 1604, Titelblatt).
Der Nürnberger Drucker Valentin Fuhrmann hat 1595 für die Kalender von Georg Caesius, dessen Sohn Georg Friedrich Caesius, Paul Schuster (→ Sutorius) und → Matthias Fischer ein kaiserliches Privilegium für zehn Jahre erworben, das im Anhang des Prognostikums für 1603 abgedruckt (S. D3b) und später für acht Jahre erneuert wurde (Koppitz, 2008, S. 169; Reske, 2007, S. 694). Caesius selbst hatte bereits im August 1582 ein Privilegiumsgesuch über sechs Jahre an den kaiserlichen Hof in Wien geschickt (Koppitz, 2008, S. 28). Der Schutz wurde erforderlich, weil 1593 der Nürnberger Buchbinder Georg Endter d. Ä. unberechtigt den Kalender von Caesius nachdrucken ließ. Fuhrmann, der 1574 vom Nürnberger Rat selbst „wegen des unerlaubten Nachdrucks des Würzburger Kalenders verwarnt“ worden war (Reske, 2007, S. 694), mußte mit einer Klage 1596 bei der Stadt Straßburg und 1601 in einer Eingabe an den württembergischen Herrscher Friedrich I. weitere unberechtigte Nachdrucke verbieten lassen (Diefenbacher, 2003, S. 127, 327; vgl. Reske, 2007, S. 694f.). Das 1604 unter dem Namen „Ioannes Caesius Susatus“ (→ Caesius, Johann) erschienene „Prognosticon Astrologicum, oder Practic auf das Jar M.DC.V“ (gedruckt durch Sigmund Latomus in Frankfurt am Main), war kein unerlaubter Druck und die Verwendung des Namens „Caesius“ hatte wohl nichts mit dem Rothenburger Caesius zu tun. Anders verhält es sich bei dem Sohn des Diakons von Caesius an der Burgbernheimer Kirche, → Georg Halbmayer. Dieser publizierte ab 1610 unter dem latinisierten Namen „Albanus-Marius“ Schreibkalender, die er durch den Hinweis, er sei Georg Caesius’ Patenkind und Schüler gewesen, aufwerten wollte. In Paris erschien 1600 bei Denis Binet eine französische Übersetzung eines Almanachs zusammen mit einem Prognostikum von Georg Caesius unter dem Titel „Almanach pour l’an bissextil mil six cens“ (BN Paris, département Sciences et techniques, 8-V-12661; vgl. bei Caesius Reihe 3).
Zahlreiche Kalenderautoren fertigten regelmäßig Wetteraufzeichnungen an, so auch Caesius von 1575 bis 1601 (vgl. Herbst, 2010a, S. 215), was untereinander bekannt war. Zum Beispiel beurteilte → Burckhard Victorin Schönfeldt Caesius’ „Metheorologischen Prognostico“ als vorbildlich (Schönfeldt: Kalender für 1597, zweiter Teil, S. B3b, D1b, E1b). Und → Johannes Kepler wünschte, daß Caesius, der bereits das gewesene Wetter für einzelne Tage in seinen Kalendern wiedergab, die „gantzer Jahr witterungen continuirlich in druckh gebe[n]“ möge, damit die Kalendermacher künftige Wetterprognosen zutreffender formulieren könnten (Kepler: Kalender für 1605, zweiter Teil, S. A2b, zitiert nach KGW, Bd. XI,2, S. 104).
Caesius veröffentlichte 1579 im Rahmen der Diskussion um den Kometen von 1577 eine Chronik der Kometenerscheinungen seit der Antike zuerst in lateinischer, dann in deutscher Sprache (siehe andere Drucke). Über Kometen haben viele Kalenderautoren eigenständige Werke verfaßt (vgl. Brüning, 2000), weil das Erscheinen eines Kometen als Vorbote größerer Veränderungen gedeutet wurde. Vorhersagen gehörten zum ureigenen Thema aller Autoren von Prognostiken und Kalendern, so daß sie ihre Kompetenz in der Öffentlichkeit zeigen wollten. Außerdem hat Caesius seine astronomischen Kenntnisse genutzt, um 1602 für die freie Reichsstadt Windsheim den Plan für die Veränderung der dortigen „grossen Uhr“ zu erstellen (StA Windsheim, Windsheimer Stadtchronik, fol. 170v).
1605 ließ die Familie von Caesius zur Erinnerung an ihn ein Gemäldeepitaph erstellen. Es zeigt die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor. Der rechts auf dem Bild betende Mann könnte wegen seines Alters und seiner Leibesfülle Georg Caesius sein (Kempkens, 2011, S. 75–81).
Über die kalender- und buchgeschichtliche Forschung hinaus wurden die Prognostiken von Caesius in einer Analyse der apokalyptischen Flugschriftenpublizistik mit herangezogen (Leppin, 1999). Eine systematische Auswertung der astronomischen Basis und Angaben in den Kalendern von Caesius steht noch aus (vgl. Kremer, 2006).

Titel:
(1) 1566–1605: Schreybkalender [SchreibKalender; SchreibCalender], Format 4°.
(2) 1592[?]–[1605?]: Schreibkalender, Format 8°.
(3) [?]–1588–[?]: Allmanach mit der practica, Format 16°.
Druck und Verlag:
1566–1569: Johann Burger, Regensburg, 1570–1605: Valentin Fuhrmann, Nürnberg.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 74. Matthäus, 1969, Sp. 1346. Wernicke, 2012a, S. 21. ZKAAD, 1987–1993, Teil 4, S. 315, Nr. 3884 (für 1575) und passim. Zinner, 1941/64, S. 249, Nr. 2541 (für 1571) und passim. VD16. VD17. CERL.
Online:
(1) Kalendarium 1581, 1588, 1600, Prognostikum 1568, 1569, 1571, 1574, 1579, 1580, 1581, 1582, 1583, 1590, 1594, 1596, 1597, 1598, 1600, 1601, 1602, 1604, 1605 [24.08.2015].
Andere Drucke:
(1) Catalogvs Nvnqvam Antea Visvs, Omnivm Cometarvm Secvndvm Seriem Annorvm A Dilvuio conspectorum, vsque ad hunc praesentem post Christi natiuitatem 1579 annum […]. Nürnberg 1579. BSB München, Astr.p. 28, online [24.08.2015].
(2) Chronick/ Oder ordenliche verzeichnuß vnnd beschreibung aller Cometen/ von der algemeinen Sündflut an/ nach erschaffung der Welt 1656. biß auff dis gegenwertiges jtztlauffends nach Christi vnsers Herrn vnd Seligmachers geburt 1579. Jar/ vnd was darauff für zufell/ straffen vnd verenderungen erfolget/ von Kriegen/ Theurung/ Pestilentz/ etc. […]. Durch M. Georgium Caesium jtzt zu Leutershausen. Nürnberg 1579. BSB München, Astr.p. 28 a, online. BSB München, Hom. 2098 w#Beibd.4, online. SBPK Berlin, an: @Bibl. Diez oct. 7136A, online [24.08.2015].
Literatur:
Dieter Kempkens: Ein Bild mit vielen Geheimnissen – Das Epitaph für Georg Caesius in Bergheim. In: Geschichte in Bergheim, Bd. 20 (2011), S. 65–90.
Dieter Kempkens: Der Erfolg der Prognostica auf dem Buchmarkt in der frühen Neuzeit. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, Bd. 16 (2014), S. 5–27.
Micheal Lochner: Christliche Leich=Predig Uber der Begräbnus deß Ehrwirdigen/ Wolgelerten Herrn/ auch weitberümbten Astronomi, M. Georgii Caesii, Weylandt Pfarrherrn zu Marck Burck Bernheim/ so Anno 1604. Dienstags den 4. Septembris zwischen 10. vnd 11. vhr vor Mittag seliglich entschlaffen/ vnd nachmals den 6. Septembris Christlich zur Erden bestattet worden. Nürnberg 1604. BSB München, Res/4 Or. fun. 252, 17. Online [24.08.2015].
Klaus Matthäus: Zur Geschichte des Nürnberger Kalenderwesens. Die Entwicklung der in Nürnberg gedruckten Jahreskalender in Buchform. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Frankfurt am Main 1969, Bd. IX, Sp. 967–1396, hier Sp. 1087–1092.

Der Text beruht überwiegend auf der am 23. August 2015 geschickten Zuarbeit von Dieter Kempkens (Bergheim), dem ich dafür herzlich danke.

Erstellt: 26.08.2015
Letzte Aktualisierung: 11.07.2019

caesius_georg.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/11 12:56 von klaus-dieter herbst