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Ochsenstein, Philipp Jacob Oswald von

„Philipp Jacob von Ochsenstein genant Oswald/ S. R. I. Eques Suevus, AA. LL. & Phil. Doctor, Poëta Caesareus Coronatus, Illustr. Ordinis Cygnei, ut & Carpophororum Sodalitii Ristiano-Albiani Membrum, Daphnander dictum, Mathematicus & Ingenieur, &c.“; „Ihrer Kayser= und Königl. Majestät/ wie auch Ihrer Majestät/ der verwittibten Kayserin Eleonorae, bestellter Hof-Mathematicus, Comes Palatinus, & Armatae Militiae Eques Auratus, &c.“; „St. Georgen=Ordens Ritter/ der Welt Weißheit Doctore/ Kayserl. gekrönter Poet; der Weltberühmten Pegnesischen Blumen=Genossenschafft/ wie auch deß Schwanen=Ordens/ imgleichen der teutschen Gesellschafft Mitglied/ etc.“ (Selbstbezeichnungen auf den Titelblättern, zit. 1674 von Reihe 1, 1678 und 1683 von Reihe 2)
* ca. 1641 Leonberg/Württemberg, † Wien [?] nach 1721
Kalender seit 1674, verfaßt bis 1721
Pseud.: → Telamon; → Achalm, Florian von

Philipp Jacob Oswald von Ochsenstein wurde etwa 1641 im württembergischen Leonberg geboren. Das ungefähre Geburtsjahr wurde aus dem Jahr der Immatrikulation an der Universität Tübingen geschlossen. Wenn Ochsenstein sich mit 18 Jahren – wie damals allgemein üblich – in die Matrikel einschrieb (Bürk/Wille, 1953, S. 290 „[1659] XI. 2. Philip. Jacob Oswald Leomontan. ph.st.“), dann hätte er 1659 dieses Alter erreicht, falls er 1641 geboren wurde. An der Tübinger Universität wurde er am 4. April 1660 Baccalaureus und am 12. März 1662 Magister (ebd.). Aus den Akten geht ferner hervor, daß er 1659 ein Stipendium erhielt und am 17. November 1665 aus der Universität ausgewiesen wurde (ebd., S. 290, Anm. „M[atricula] F[acultatis] A[rtium] u. St. A. [= Stiftsakten]: Eltingensis. – Stip. 59; rei[ectus]. 17.11.65 (fast ein halbes Jahr absentirt u. vagirt)“). Wo Ochsenstein sich anschließend aufgehalten hat, ist nicht bekannt. Spätestens 1673 wird er in Wien gewesen sein (vgl. Kalender für 1674). In Wien wurde er zum Kaiserlichen Mathematiker berufen. Nach einer astronomischen Dissertation (anderer Druck, Titel 1) war er 1674 an der Universität Wien. Daraus geht auch hervor, daß er mit → Johann Jacob Kürner d. J. persönlich bekannt war.
Ochsenstein war Mitglied der Deutschgesinnten Genossenschaft, 1643 von Philipp von Zesen (1619–1689) in Hamburg gegründet, in welcher er der „Herrliche“ genannt wurde und in der zweiten Zunft des siebenten Zunftsitzes „Zunftmeister/ und Vorsitzer“ war (Zesen, 1676, S. B4b), sowie der 1690 ebenfalls in Hamburg gegründeten Kunst-Rechnungs-liebenden Societät, in welcher er den Namen „der Oeffnende“ trug (Zedler, 1732, Bd. 25 (1740), Sp. 2356). Aus der Selbstbezeichnung auf dem Titelblatt für 1674 folgt ferner seine Mitgliedschaft im Elbschwanen-Orden, um 1658 von Johann Rist (1607–1667) in Wedel an der Elbe gegründet, dort „Daphnander“ genannt. Diesem Orden gehörte er seit 1664 an (Jürgensen, 2006, S. 506). 1676 wurde Ochsenstein auch in den 1644 in Nürnberg gegründeten Pegnesischen Blumenorden aufgenommen, in dem er den Namen „Daphnis II.“ trug (IDA, Edelleute, Nr. 59). Der Brief Ochsensteins an Sigmund von Birken vom 14./24. Oktober 1676 mit der Bitte um Aufnahme in den Orden hat sich im Ordensarchiv (GNM Nürnberg, Archiv P.Bl.O. C.250.1, gedruckt in Herdegen, 1744, S. 459f., siehe Quellenzitat 1; der Antwortbrief von Birkens vom 27. Oktober 1676 in Herdegen, 1744, S. 462f.) erhalten (Jürgensen, 2006, S. 508). Ferner war er Ritter des Constantianischen St. Georgs-Ordens (vgl. Zedler, 1732, Bd. 25 (1740), Sp. 2356).
Am 9. März 1677 erhielt Ochsenstein ein kaiserliches Privilegium, das über fünf Jahre hinweg Schutz vor unerlaubtem Nachdruck seiner Kalender bieten sollte (vgl. Koppitz, 2008, S. 409). Das Privilegium ist in dem in Ulm gedruckten Kalender für 1678 (Reihe 2) wiedergegeben. In diesem Kalender beklagte Ochsenstein, daß zuvor seine Kalender nachgedruckt wurden und er deshalb um ein Privilegium nachgesucht hatte (ebd., zweiter Teil, S. A1b). Bei dem Prognostikum für 1693 (online [22.09.2015]), das durch „Den Herrlichen/ Der Teutsch=gesinnten Genossenschafft Mit=Glied“ verfaßt wurde (gedruckt und verlegt von Johann Burger in Amberg) und heute ebenfalls Ochsenstein zugeschrieben wird, könnte es sich auch um einen Nachdruck handeln, denn Ochsenstein ließ in jenen Jahren stets seinen Namen bzw. die Initialen seines Namens auf den Titelblättern drucken (bei diesem Prognostikum aber nicht). Daß Ochsenstein andererseits auch unter einem Pseudonym veröffentlichte, belegt der „Jahr=Calender Neuer und Alter Zeit“ (gedruckt in Wien) von einem „Telamon“. Daß der Verfasser Ochsenstein war, kann aus der Tatsache geschlossen werden, daß das Gegenstück für ein protestantisches Gebiet mit dem „Jahr=Calender Alter und Neuer Zeit“ (gedruckt in Ulm) Ochsensteins Namen auf dem Titelblatt trägt.
Auf den Titelblättern seiner Kalender hob Ochsenstein hervor, daß er die astronomischen Daten „nach den Hypothesibus Kepplerianis, auß den fürtrefflichen/ Himmels=gemässen Tabulis Mariae Cunitiae eignen Fleisses/ ohne Beihilff der Ephemeridum berechnet“ habe (Kalender für 1678 Reihe 2, zweiter Teil, Titelblatt; vgl. Cunitia, 1650), womit er für seine Kalender eine besondere Wissenschaftlichkeit beanspruchte. Er war bestrebt, sich von den „liederliche[n] haillose[n] vnd vngeschickte[n] Calendermacher[n]/ so gar kein Fundament in Astronomia haben“, abzusetzen (Kalender für 1674 Reihe 1, zweiter Teil, S. C3a). Bei den astrologischen Prophezeiungen des Wetters führte er zum Vergleich gelegentlich auch weit zurückliegende Kalender an, zum Beispiel einen für 1594 von → Albin Moller (Kalender für 1678 Reihe 2, zweiter Teil, S. A2a). Im Gegensatz zu → Gottfried Kirch, einem Briefpartner von Ochsenstein im Jahr 1689 (Herbst, 2006, Bd. 2, S. 7), verbreitete Ochsenstein weiterhin den alten astrologischen Glauben, Konjunktionen von Planeten würden in „Welt=Händeln […] grosse Unruhen vnd Veränderungen verursachen/ wie ich solches allbereit in meinem Opere Uranometrico, vnd Judicio Astrologico über gegenwärtiges Jahr“ meldete (Kalender für 1674 Reihe 1, zweiter Teil, S. C2b; vgl. anderer Druck, Titel 1), Kometen würden schlimme Dinge wie Krieg ankündigen und die Finsternisse an Sonne und Mond würden Elend auf der Erde bringen. Gleichwohl wendete sich Ochsenstein gegen eine zu sehr ins Detail gehende astrologische Vorhersage (Quellenzitat 2).
Zu Ochsensteins tschechischer Kalenderreihe vgl. die tschechische Reihe von → Michael Krügener, die ebenfalls bei den Arnolts gedruckt wurde.

Titel:
Deutsche Kalender:
(1) 1674–[?]: Schreib=Calender, Format 4°.
(2) 1678[?]–[1680?]: Vollständiger Jahr Calender. 1681[?]–1683[?]: Historischer Zeit= und Jahr=Calender, Format 4°.
(3) 1693[?]–[?]: Lintzerischer Schreib=Calender, Format 4°.
(4) 1687[?]–1721[?]: Schreib= und Hauß=Calender, Format 4°.
(5) 1704[?]–1706[?]: Cantzley=Calender, Format 8°.
Tschechischer Kalender:
(6) 1686[?]–1702[?]: Welmi Gak pro Dům tak Kancellář přihodný Kalendář, Format 4°.
Druck und Verlag:
(1) Leopold Voigt, Wien.
(2) Matthäus Wagner, Ulm.
(3) ?, Linz.
(4), (5), (6) 1686[?]–1687: Johann Arnolt, Prag, 1688: Catharina Arnolt Witwe, Prag, 1689–1721: Carl Ferdinand Arnolt, Prag.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 132. Ergänzend: NB Prag, UA Prag (Ex. der Reihen 4 und 6 für 1686 bis 1701 gesehen am 8. und 9.8.2016). Seethaler, 1982, Bd. 2, S. 666. ÖNB Wien, 207.116-B (Reihe 5), 230.492-B (Ex. für 1702 Reihe 6). VD17. CERL.
Online:
(4) 1687, 1689, 1993, 1696, 1698, 1700, 1700 2. Ex. [12.08.2016].
Andere Drucke:
(1) [Dissertatio] Opus Uranometricum, Sive Syzygiae Luminarum Mutuae: Cum Aurae motus causis, ac Temporum universali Descriptione, Ad Annum à Nativitate Christi M. DC. LXXIV. Quas […] Sub Directione & Auspiciis […] Domini Philippi Jacobi ab Ochsenstein, Dicti Oswald […] Publicae Mathematicorum Disquisitioni & Examini in Antiquissima & Celeberrima Universitate Viennensi submittit, Ex ejusdem in Mathesi Auditoribus, Joannes Jacobus Kürner, Junior. Wien 1674. ÖNB Wien, Z81 L.17.C.
(2) Ariadne Coelestis Exhibens Problemata è variis selectiorum Mathematum adytis novâ industriâ deprompta, subtili ac perspicua Methodo concinnata. […]. Wien 1676. ÖNB Wien, 72.Aa.78*. Online [22.09.2015].
(3) Trost=Rede An die von Herzen betrübte samtliche Schäfer/ des Hochlöbl. Gekrönten Pegnesischen Blumen=Ordens/ über das Absterben Ihres weiland allerwehrtisten Oberhaupts/ genannt Myrtillus Und seiner innig=geliebten Ehgemahlin und Blumen=Hirtin Magdalis/ […] aufgesezt Von dem Gekrönten Blumgenossen Dafnis I. P. J. O. F. v. O. Wien 1692. UB Erfurt, LP R 8° III, 00010 (23a).
Quellenzitate:
(1) „Obwolen eine grosse Unhöflichkeit zu seyn scheinet E. E. mit gegenwärtigen Zeilen, unbekannter Weise zu beunruhigen, und hiedurch Beschwehrde des Lesens zu verursachen, so hat doch Dero weitberühmte Humanität, und bishero an das Tage=Licht gegebene Lobwürdigste Schrifften mich dahin angereitzet E. E. mit diesen wenigen Zeilen aufzuwarten, und dieselbe, als Hochansehnliches Oberhaupt der preiswürdig gekrönten Pegnitz=Hirten, unterdienstlich zu bitten, dieselbe geruhen mich zu einem Mit=Glied in ermeldte Gesellschafft aufzunehmen, aller der Freyheiten, Rechte, Gerechtigkeit und Immunitäten theilhafftig zu machen, und dero Matricul einzuverleiben. Allermassen auch weiland der grosse Rist, mich in seinem Cimbrischen Schwanen=Orden gleichmässig recipirt und aufgenommen. Wie hiervon in Candorins teutschen Cimber=Schwan fol. 183. 218. 240. 242. desgleichen Parte secunda fol. 94. bey dem Namen Daphnander zu sehen und zu lesen: Wie nun solches E. E. zum Ruhm, mir aber zu hohen Ehren gereicht, als lebe der zuversichtlichen Hoffnung, ich werde diesesmal ohne Fehl=Bitte selig heissen, und einer fördersamen Antwort gewürdiget werden, dahingegen ich dann verbleibe
E. E. aufwärtigster Diener/ Philipp Jacob Oswald, S. R. I. Eques &c. Wien den 24/14 Oct. Anno 1676.“ [es steht 1675] (Brief von Ochsensteins an von Birken, zitiert nach Herdegen, 1744, S. 459f.).
(2) „Es hat aber der liebe GOtt allezeit den Brauch/ ehe er ein Königreich gestrafft/ Land und Leuth zerstören und verderben lassen/ daß gemeiniglich zuvor Wunderzeichen seyn herfür gepassirt/ nicht allein am Firmament deß Himmels/ sondern auch auf dem Erdboden. Ehe der dreyssig Jährige teutsche Krieg sich angefangen/ ist ein schröcklicher Comet/ 1618. Mense Novembri erschienen in sidere Bootis, und hat seinen Schwaiff usque ad Comam Berenices extendirt. Dieser Comet ist ein Vorbott gewest […] Was anbelangt die Würckung dieser Finsternussen/ ist leichtlich zu erachten/ daß sie im Weltlichen Stande eitel kriegerische wunderlich Practiquen/ Verhörung/ Verzehrung/ und Verwüstung Land und Leuthe/ grosse Uneinigkeit und hefftige Verbitterungen unter den Potentaten/ ferners Blut vergiessen/ wie auch vornehmer Printzen gählingen tödlichen Abgang und Entleibung durch Geschoß und Kriegs=Waffen verursachen werde. Im Geistlichen Stande hat man sich auch mancherley Veränderungen in der Religion/ neuer Kirchensatzungen und Ceremonien zu vermuthen. An Gebresten deß Leibs werden sonderlich grassiren Pestilentzische/ hitzige/ tägliche und dreytägliche Fieber/ Unsinnigkeit/ Schlaffsucht/ Heiserkeit/ schwäre Husten/ Verstopffung der Gallen/ gifftige Geschwär/ Gelbsucht/ Rothlauff/ Durchlauff/ und andere Beschwerungen mehr. In der Lufft und an Gewitter wird schreckliche Hitz/ grosse trockene ungestümme Windsbrausen/ schädliche Donner und Blitz/ mit Anzündungen der Gebäue; auf dem Meer grausame Schiffbruch und Rauberey zu beförchten seyn. [… im Kapitel „Von Krieg und Unfried.“ heißt es, die Übeltaten der Menschen seien diesen selbst zuzuschreiben und nicht den Sternen.] Dahero dann erscheinet/ wie schwach und ungewiß seyn müssen die Prognostica von künfftigen Krieg und Unfried; weilen die Regierung Land=Schlüß/ und andere Händel allein an dem Verstand und Willen einer Obrigkeit und ihrer Räth ligen und dependiren/ nun aber hat der Himmel mit seiner influenz und Neigung kein directum modum oder unmittelbaren Weeg/ das unsterbliche Gemüth an seinem freyen Willen zu verhindern/ oder auf diese und jene Weiß nothwendig zu bewegen. Dann ob schon auß übertreffender Hitz deß kriegerischen [Mars] alle Gall in dem Menschen ausgetrieben/ und dahero die Leuth zu Zorn und Krieg geneigt werden. So ke[ö]nnen gleichwol nichts wenigers die jenigen/ so sich zu Zorn leicht und geh befinden/ durch Gebrauch der Vernunfft bändigen/ in Zaum halten/ und sich vor Ubel hütten. Wann solches beschicht/ wie wird hernach der Astrologus bestehen/ so Krieg und Mord prognosticirt und geschrieben hat. [… Ochsenstein kritisiert die Specalia bei anderen Autoren.] Dannoch werden solche alter Weiber Fabeln gar hoch gehalten/ und mit Fleiß durchlesen. Sed cum talibus Halophantis mihi negotium esse nolo, quibus nil praeter opinionem inesse video, & in re quavis pro arbitrio pronam garriendi & mentiendi licentiam. [… Aus der astrologischen Kunst könne man nichts dazu prognostizieren, denn die Ursache von Krieg liegt in den Menschen selbst, weshalb er es für unnötig erachtet, darüber Vermutungen anzustellen.] Aber dannoch/ damit dem Fürwitzigen so zu wissen begehret/ was der Himmel dieses Jahr mit sich bringe/ auch ein Genüegen beschehe/ will ich solches auß der alten Sterngelehrten Meinung und hinterlassenen Observationibus mit kürtze verzeichnen. Und zwar erstlich die Winter Figur belangend […]“ (Historischer Zeit= und Jahr=Calender für 1683, zweiter Teil, S. F1b–3a).

Erstellt: 22.09.2015
Letzte Aktualisierung: 05.11.2019

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