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Wagner, Johann Christoph

Johann Christoph Wagner

„Johann Christoff Wagner/ SS. Th. & Astr. St. Nor“ (Selbstbezeichnung auf dem Titelblatt, zit. 1664)
* (getauft) 3.6.1640 Nürnberg, † ca. 1703 [?] Augsburg [?]
Kalender seit 1664, erschienen bis mindestens 1729

Johann Christoph Wagner wurde Anfang Juni 1640 in Nürnberg als Sohn von Christoph Wagner, Kantor der St. Egidien-Kirche (mit Gymnasium) und Lehrer an der Sebalder Schule, geboren (Matthäus, 1969, Sp. 1270). Nach der Schule studierte er seit 1653 an der Universität Altdorf, wo er sich am 29. Juni 1653 und ein zweites Mal am 25. April 1659 in die Matrikel einschrieb (Steinmeyer, 1912, Bd. 1, S. 292 „[1653.] VI. 29. Johannes Christophorus Wagnerus Norimb.“, 319 „[1659.] IV. 25. Johannes Christophorus Wagner, Noriberg., antea inscriptus“). Am Ende des Studiums disputierte er sowohl unter → Abdias Trew (vgl. anderer Druck, Titel 1) als auch unter → Johann Christoph Sturm (vgl. anderer Druck, Titel 2). Die zweite Disputation wurde 1663 von Wolfgang Eberhard Felsecker gedruckt, mit dem Wagner im gleichen Jahr auch seine Zusammenarbeit bezüglich der Kalender begann. Wagner bezeichnete in der Disputation Trew als „Praeceptor atque Patronum meum aetatem honorandus“ (zitiert nach Gaab/Leich/Löffladt, 2004, S. 265). In der Disputation unter Trew ist ein Gratulationsgedicht von Sturm für Wagner abgedruckt (Quellenzitat). Bei der Beurteilung von Wagners Kalenderarbeiten sind somit die Beziehungen zu Trew, der die mißbrauchte Astrologie noch reformieren wollte, und zu Sturm, der in seinen Kalendern später die Astrologie grundsätzlich ablehnte, zu beachten.
Für das Sommersemester 1664 immatrikulierte Wagner sich an der Universität Jena (Jauernig/Steiger, 1977, S. 855 „Wagner, Joh. Chphs., Noribergensis, S 1664“). Hier dürfte er den Mathematikprofessor Erhard Weigel, der vehement für die Säuberung der Kalender von heidnischer Astrologie eintrat, kennengelernt haben. Wagners kalendarische Tätigkeit für den Verlag von Felsecker wurde durch das Studium in Jena nicht beeinträchtigt. Wann genau er Jena und dann auch Nürnberg Richtung Augsburg verließ, konnte nicht ermittelt werden. Wahrscheinlich um 1680 wandte er sich nach Augsburg. Dort schrieb er kompakte Bücher mit Beschreibungen ferner Länder und über die Geschichte der Türken und -kriege (vgl. andere Drucke). Auch ließ er weitere Kalenderreihen unter seinem Namen drucken.
Von den Verfassernamen auf den frühen Kalendern des Verlages Felsecker ist als reale Person nur Johann Christoph Wagner faßbar. Dieser bezeichnete sich auf dem Titelblatt seines ersten Kalenders für 1664 mit „SS. Th. & Astr. St. Nor.“ (Sancto Sacrae Theologiae & Astronomiae Studiosus Noribergensis), womit er als einziger unter den auf den Felseckerschen Kalendern verzeichneten Kalendermachern einen Ort für seine Herkunft benannte: → Freymund, Wilhelm Ernst (Pseud.) verwieß auf Franken, → Juhrmann, Johann Friedrich (Pseud.) auf Thüringen, → Bielstädt, Gottfried Achatius (Pseud.) auf das Vogtland („Varisc[ia]“), die anderen (→ Simplicissimus, Simplicius (Pseud.), → Weißkohl, Friedrich (Pseud.)) gaben keinen Hinweis auf ihre Herkunft.
Mit der Kalendertätigkeit Wagners in Augsburg scheinen auch einige Ideen, wie die Titel bzw. Titelblätter und die einzelnen Kapitel der Kalender gestaltet werden können, von Nürnberg nach Augsburg transferiert worden zu sein. So ähnelt das Titelblatt der Kalenderreihe von → Ernst Friedrich Goldstein dem der Wagnerschen Reihe, die bei Felsecker in Nürnberg herauskam. In der Reihe von → Georg Dornfeld erinnert die extreme Kürze der vier Kapitel von den Finsternissen, von Krieg und Frieden, Gesund- und Krankheiten sowie von Frucht- und Unfruchtbarkeit sehr an dieselbe Knappheit in den Kalendern für die 1670er und folgenden Jahre, die im Felseckerschen Verlag gedruckt wurden. Der unter dem Verfassernamen → Theophrast Wahrmund beim Endterschen Verlag von 1672 bis 1681 veröffentlichte „Monarchen=Calender“ fand zumindest vom Titel her durch den „Römische[n] Monarchen= Calender“ von Wagner eine Neuauflage. Wie hier die eventuellen Verstrickungen von Goldstein, Dornfeld und Wahrmund mit Wagner waren, wurde noch nicht nachgeforscht.
Ab den Kalendern für 1664 war Wagner der „astronomische Kopf“ für die von Felsecker gedruckten Kalender (vgl. Herbst, 2009b, S. 312–315). Die astronomischen Fähigkeiten und Interessen Wagners werden eindrucksvoll in der Reihe des in Augsburg gedruckten Monarchen-Kalenders deutlich. Im zweiten Teil („Urania Meteorologica“) des Kalenders für 1694 beginnt das Kapitel zu den Finsternissen mit folgenden Worten: „Es haben die jenige/ welche sich deß Argoli liederlichen Ephemeridum bedienen/ mehrentheils zeithero zu wenig Finsternussen angezeiget/ heuer gehet es ihnen wieder also; dann/ nachdeme ich die suspecta Novilunia und Plenilunia nach den Rudolphinischen Tabellen/ welche der Kayserliche Mathematicus, Johannes Keplerus verfertiget/ und die dem Himmel am nechsten kommen/ fleißig berechnet/ so hab ich befunden/ daß wir dises Jahr Vier Finsternussen/“ zu sehen bekommen (Kalender für 1694 Reihe 5, zweiter Teil, S. A2a). Anschließend werden alle vier Finsternisse beschrieben. Bei der dritten, einer Mondfinsternis am 27. Juni / 7. Juli 1694, wird eine Tabelle mit den Werten für den Wiener Meridian geliefert, die einmal nach den Rudolphinischen Tafeln von → Johannes Kepler (Kepler, 1627) gerechnet und daneben aus den Ephemeridenwerken von Flaminio Mezzavacca (Mezzavacca, 1686) entnommen waren, „weilen eine notable Differenz darzwischen“ sei (Kalender für 1694 Reihe 5, zweiter Teil, S. A2b). Damit griff Wagner ein in der damaligen astronomischen Forschung aktuelles Problem auf. Daß er seine Berechnungen in einem Kalender publizierte und der Öffentlichkeit zur Prüfung aussetzte, unterstreicht die These von der Nutzung dieses Mediums für gelehrte Kommunikation (vgl. Herbst, 2009a). In dem zweiten überlieferten Jahrgang dieser Reihe werden die tabellarischen Angaben noch ausführlicher. Die astronomischen Daten werden jetzt auch noch mit dem Ephemeridenwerk von Andrea Argoli (Argoli, 1648) verglichen (vgl. die Tabelle im Kalender für 1696 Reihe 5, zweiter Teil, S. E2b-3a zu den beiden sichtbaren Mondfinsternissen). Überzeugend stellte Wagner die Unsicherheiten bei den Berechnungen astronomischer Ereignisse, die sich hier auf bis zu 23 Zeitminuten (Mitte der zweiten Finsternis) belaufen, dar. Diese Tabelle belegt ferner, daß Wagner in der Lage war, komplizierte astronomische Rechnungen selbst auszuführen.
Offenbar bürgte der Name „Johann Christoph Wagner“ für guten Absatz der Kalender, denn für das Jahr 1712 wurde die 1664 begonnene und um 1700 zunächst eingestellte erste Kalenderreihe von Wagner wieder neu aufgelegt. Den Hinweis darauf liefert die zweite Textspalte auf den Recto-Seiten des Kalendariums im Exemplar für 1715 (überliefert im StA Altenburg), die mit einer kurzen Ansprache an den Leser beginnt und in der es heißt: „Zu fernerer Fortsetzung unsers vor drey Jahren wieder angefangenen Helden=Calenders“ (S. A2a). Vielleicht war Wagner um 1703 (in Augsburg ?) gestorben, denn die überlieferten Exemplare von Wagners Kalendern enden mit dem Jahr 1703 (Exemplare für 1702 und 1703 im LANW Duisburg). Die Jahrgänge ab 1712 des „Johann Christoph Wagners fortgesetzte[n]“ Kalenders wird er nicht mehr selbst verfaßt haben.

Titel:
(1) 1664: Teutscher Helden/ und ausländischer Potentaten Lust= und Nutzbringender Historien=Calender. 1665–1668: Teutscher und Ausländischer Helden= Wie auch /Türckischer Niderlagen/ Kriegs= und Siegs=Calender. 1669–1699[?]: Teutscher und Ausländischer Helden: Denckwürdiger Niderlagen/ Kriegs= und Siegs=Calender. [1700?]–1711: nicht erschienen. 1712–1729: Johann Christoph Wagners fortgesetzter […] Teutscher und ausländischer Helden=Calender, Format 4°.
(2) 1679[?]–1723[?]: Schreib=Calender, Format 8°.
(3) 1680–1691[?]: Mercurius Augustanus Das ist […] Augspurgischer Geschichts=Calender, Format 4°.
(4) 1685[?]–1689[?]: Aqulia Sarmatica, Oder […] Pohlnischer Reichs=Calender, Format 4°.
(5) 1694[?]–1696[?]: Römischer Monarchen=Calender, Format 4°.
(6) 1685[?]–[?]: Teutsch= Malthesischer Ritt. Ordens=Calender, Format 4°.
(7) 1689[?]–[?]: Schreib=Calender/ Mit beygefügter Würtembergischen Chronica, Format 4°.
Druck und Verlag:
(1), (2) 1661–1681: Wolfgang Eberhard Felsecker, Nürnberg, 1682: Felseckers Witwe Susanna Maria und Erben, Nürnberg, 1683–1693: Johann Jonathan Felsecker, Nürnberg, [1694]: Felseckers Witwe Elisabeth, Nürnberg, 1695– 1711[?]: Johann Jonathan Felseckers Erben, Nürnberg, [1712?]–1729: Adam Jonathan Felsecker, Nürnberg.
(3), (4), (5), (6) Jacob Koppmayer, Augsburg.
(7) Johann Weyrich Rößlins Witwe, Suttgart.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 161. Herbst, 2011a, S. 65. Wernicke, 2012a, S. 41. Matthäus, 1969, Sp. 1365. ThStA Meiningen, Geh. Archiv XV C5 (Reihe 2). StiftsA Klosterneuburg, Kalendersammlung (Reihe 6). LANW Duisburg (Reihe 2). VD17. CERL. Schläwe, 2020, Abb. 7 (Ex. für 1723 der Reihe 2). Kreisarchiv Gotha (Ex. für 1729 der Reihe 1).
Online:
(1) 1664–1679 [04.09.2015].
(2) 1686, 1688, 1689, 1695 [05.09.2017].
Andere Drucke:
(1) Abdias Trew (Praeses), Johann Christoph Wagner (Respondent): Astrologiae Medicae. Hoc Est De Siderali Scientia Ad Curam Valetudinis Et Rerum Eo Pertinentium Dextre Applicanda. Quator disputationibus comprehensa et iunctim edita. Disputatio secunda: De Respectu Corporum Naturalium ad sidera in se agentia, in genere (2.11.1663). Altdorf 1663. BSB München, 4 Diss. 2221, 11(2).
(2) Johann Christoph Sturm (Praeses), Johann Christoph Wagner (Respondent): Disquisitio Physica De De Occultis qualitatibus, & potissimum De Segillis. Nürnberg 1663. BSB München, 4 Diss. 3575, 3.
(3) Gründlicher und warhaffter Bericht von dem Ursprung der Kometen, derselben Natur, Gestalt, Zeit, Farb, Grösse und Lauff nebst andern dazugehörigen Umständen […]. Augsburg 1681. SUB Göttingen, 8 ASTR II, 4897 (9).
(4) Cometa disparens, das ist: Gründlicher Bericht von dem fernen Lauff de? Komet=Sterns biß zu dessen völliger Verlöschung […]. Augsburg 1681. SUB Göttingen, 8 ASTR II, 4897 (10).
(5) Atmosphaera Sublunaris. Augsburg 1682. Zitiert nach Matthäus, 1969, Sp. 1270, Anm. 1707.
(6) Delineatio Provinciarum Pannoniae Et Imperii Turcici In Oriente. Eine Grundrichtige Geschreibung deß ganzen Aufgangs/ sonderlich aber deß Hochlöblichen Königreichs Ungarn/ und der ganzen Türckey/ auch deren Völcker/ welche selbigem Monarchen zinßbar/ als Mohren/ Arabern und Tartarn/ von ihren grausamen Proceduren/ gegen die Christenheit/ sonderlich in gegenwertigem Krieg/ wie Mannlich aber sie durch die Christliche Waffen zurück getriben worden sind […]. Augsburg 1684. ULB Halle, Oc 3685, 4°. Teil 2. Augsburg 1685. ULB Halle, AB 104400 (2). Teil 3. Augsburg 1686. HAAB Weimar, 6, 2: 28 (Teile 1 bis 3 in einem Band). Teil 4: Das mächtige Kayser=Reich Sina und die Asiatische Tartarey vor Augen gestellet/ […]. Augsburg 1688. BSB München, BA/2 H.as. 461-4. Online [24.09.2015].
(7) Joh. Christ. Wagners kurze doch richtige Lebens=Beschreibung aller Ungarischen Könige. ThULB Jena, 12 Helvet. II, 1(2).
(8) Christlich= und türckischer Staedt= und Geschicht=Spiegel: Vorweisend eine eigentliche Beschreibung aller der vornehmsten Städte, Vestungen und Schlösser der Christenheit und Türckey […]. Augsburg 1687. ThULB Jena, 2 Geogr. I, 59/2:1.
(9) Der Pfaltz am Rhein Staat= Land= Staedt= und Geschicht=Spiegel. […] Deme zur Continuation deß Ersten Theils Deß Christl. und Türckischen Städt= und Geschicht=Spiegels/ beygefüget Eine vollkommene Erzehlung alles dessen/ so seit An. 1687. in Ober= und Nider=Hungarn […] außgerichtet worden. Augsburg 1691. FB Gotha, Opp 4° 00002/04 (01.2).
Literatur:
Klaus-Dieter Herbst: Die Kalender des Verlages Felsecker – Eine Bestandsaufnahme der Jahrgänge 1661 bis 1675. In: Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Simplicianische Jahreskalender. Europäischer Wundergeschichten Calender 1670 bis 1672 (Nürnberg), Schreibkalender 1675 (Molsheim). Faksimiledruck der vier Kalenderjahrgänge erstmals neu herausgegeben und kommentiert von Klaus Matthäus und Klaus-Dieter Herbst. Erlangen, Jena 2009, S. 279–354.
Quellenzitat:
„Quanta Wagneri siet eruendi, || cura, Naturae bona siderumque; || Fama si & Livor sileant, Cathedrae || Crede, loquentur. || Ita spondet || gratulabundus || M. Joh. Christ. Sturmius“ (Trew, 1663 (anderer Druck, Titel 1); für die Mitteilung dieses Gedichts danke ich Herrn Dr. Hans Gaab, Fürth).
Übersetzung: Wie groß die Sorgfalt Wagners im Aufsuchen || der Güter der Natur und der Sterne ist, || werden, wenn Gerücht und Mißgunst schweigen, die Lehrstühle, || glaube mir, verkünden. || Dafür verbürgt sich || gratulierend || Magister Johann Christoph Sturm. (Für die Übersetzung danke ich Herrn Dr. Manfred Simon, Jena.)

Erstellt: 24.09.2015
Letzte Aktualisierung vor 20.01.2020: 19.10.2018
Letzte Aktualisierung nach 20.01.2020: 16.11.2021

wagner_johann_christoph.txt · Zuletzt geändert: 2021/11/16 16:08 von klaus-dieter herbst