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Meyer, Johann

Johann Meyer: Schreib=Calender für 1653, Titelseite (Ausschnitt)

„Johannes Meyerus Qvedlinb: Med. Cand. & Mathem. adj.“ (Selbstbezeichnung auf dem Titelblatt, zit. 1638)
* (getauft) 7.1.1607 Quedlinburg, † (begraben) 30.3.1665 Quedlinburg
Kalender seit 1636, erschienen bis 1829
Übernommene Reihe: → Majus, Felicianus

Auf den Titelblättern der Kalender gab Johann Meyer stets an, daß er aus Quedlinburg kommt. Er ist somit nicht zu verwechseln mit dem aus Husum stammenden Mathematiker und Kalendermacher → Johann Meier [Mejer, Meyer]. Der Quedlinburger Meyer wurde als Sohn des gleichnamigen Johann Meyer, Diakons an der Kirche St. Benedicti, geboren und am 7. Januar 1607 getauft (Ev.-luth. Kirchengemeinde Quedlinburg, Kirchenbuch, Taufen, 1607, Nr. 1 „Johann Meiers des Diac. Bened. Sohn Johannes von Johann Latermann getauft[,] P[aten] Ehr Cyriacus Rode[,] Jacobus Siefert[,] Henning Falkens Frau“; für die Einsichtnahme in das Kirchenbuch danke ich Herrn Christoph Schröter, Pfarrer i. R., Quedlinburg). Über seinen Bildungsweg konnten keine Einzelheiten ermittelt werden, doch wird er als Sohn eines Pfarrers die Lateinschule in Quedlinburg besucht haben. Offenbar studierte er Medizin und Mathematik (vgl. Titelblatt des Kalenders für 1638). Beim Quedlinburger Rat bewarb sich Meyer 1627 – in jenem Jahr starb sein Vater – um ein Stipendium. In der Bewerbung heißt es, „daß er bis jetzt ‚das Studium der freien Künste‘ betrieben habe und nunmehr Medizin studieren wolle“ (Mertin, 1927, S. 497; für diese am 15. November 2017 mitgeteilte Quelle danke ich Margrid Reitzammer, Quedlinburg). Er war schließlich als Gerichtsschöffe und Kämmerer der Stadt tätig. In den Quedlinburger Ratsrechnungen für 1651 wird Meyer „als Kämmerer (Ratsherr) erwähnt“ (Dennert, 1952, S. 77). In diesem Jahr wurden ihm zum ersten Mal vom Quedlinburger Rat „vor offerirte Kalender 2 Thaler verehrt“ (ebd., S. 76; vgl. Mertin, 1927, S. 498). Fortan erhielt Meyer jedes Jahr für die Dedikation des Kalenders diesen Betrag. Meyer wurde am 30. März 1665 auf dem Kirchhof zu St. Benedicti bestattet (Ev.-luth. Kirchengemeinde Quedlinburg, Kirchenbuch St. Benedicti, Bestattungen, 1665, Nr. 22 „30. Martii 1665 Cämer. Johann Meyer 58 uf S. Benedicti“; vgl. Dennert, 1952, S. 77).
Den ersten auf Quedlinburg gerichteten Schreibkalender verfaßte Meyer für das Jahr 1636 (SBPK Berlin, Bandkatalog, Bd. 2, S. 621). Er führte damit die mit dem Kalender für 1634 begonnene Quedlinburger Reihe von Felicianus Majus fort. Von dieser Kalenderreihe sind Exemplare bis zum Jahrgang 1858 überliefert, bis 1829 mit Nennung des Namens Johann Meyers (Dennert, 1952, S. 77).
Besonders in den ersten Kalendern verfaßte Meyer lange, über die kalendarischen Inhalte hinausgehende Texte. So nutzte er z. B. das Widmungsschreiben an den „Herrn/ Christoph Vitedomn von Eckstedt“ im Kalender für 1644 für einen 22 Seiten langen gelehrten (weil mit vielen lateinischen Zitaten und Quellennachweisen versehenen) Text, in dem er der Frage, wo die Übel in der Welt herkommen, nachging. Der Text wurde gegeben „zu Quedlinburg am Tage Johannis Baptistae im Jahre 1643“ (Kalender für 1644, zweiter Teil, S. A1a–C4b).
Bereits für 1650 verfaßte Meyer auch einen Schreibkalender für Braunschweig. Der Drucker und Verleger Christoph Friedrich Zilliger richtete am 8. August 1649 ein Schreiben an den Rat der Stadt, in dem es heißt, daß er das „1650. Jahr, Von dem Autore umb ein gewißes erhandelt, daß Ich deselben auff meinen unkosten aufgeleget, undt gedrucket, […]. Alldieweil nuhr dieses daß erste mahl und der erste Calender ist, welchen, (nach dem Ich alhie nuhn ins dritte Jahr Burger, und mich der Wollberühmbten Kunst der Buchdruckerey ehrlich gebraucht undt ernehret:) auff meinen Verlag und unkosten gedruckt,“ dedicire er diesen ersten Kalender dem Rat der Stadt Braunschweig (StA Braunschweig, Akte B IV 10 c, Nr. 88, fol. 73r; ein Faksimile des Schreibens und dessen vollständige Transkription befinden sich in den „Braunschweiger Kalendern“ für 1950 bzw. 1939). Demnach zeichnete Zilliger für Druck und Verlag des ersten Jahrgangs verantwortlich, wahrscheinlich zunächst auch nur für diesen, denn Andreas Duncker d. J. druckte die ältesten überlieferten Exemplare für 1653 bis 1658 (daneben druckte Duncker auch die Kalender von → Johannes Crusius). Zilliger war mit einer Schwester von Andreas Duncker d. J. verheiratet (Reske, 2007, S. 120) und offenbar überließ er deshalb seinem Schwager in den ersten Jahren den Druck der Jahreskalender. 1658 übernahm dann wieder Zilliger den Druck des Kalenders für 1659, nachdem er bereits 1657 den Zeitungsdruck von Duncker d. J. übernommen hatte (ebd., S. 120).
Den vermutlich letzten selbst verfaßten Schreibkalender, den für 1665, schrieb Meyer „vmb Mitfasten Anno 1664“ (Braunschweiger Kalender für 1665, zweiter Teil, S. C4b). Er widmete den Kalender „Herrn Johann Fridrichen von Payne/ Churfürstl. Brandenburgischen wolbestalten geheimbten Secretario und Kriegs=Commissario dero Regierung zu Halberstadt“ (Rückseite des Titelblatts). In den Exemplaren der Folgejahre fehlen die Dedikationen. Das Widmungsschreiben an Payne begann Meyer mit der Klage: „Von jetziger WeltZustand und Wesen/ darinn die Liebe erkaltet/ der Glaube verloschen/ gerechtigkeit und Warheit über Meer gezogen“ (Kalender für 1665, zweiter Teil, S. A2a). Auf den folgenden sechs Seiten führte Meyer seine düstere Einschätzung über die Lage der Menschen aus, wobei er in einer Naherwartung des Jüngsten Tages stand, „denn es eilet alles zum Ende/ wir leben in der letzten Zeit/ […] Das Ende aller Dinge ist für der Thür“ (ebd., S. A4b). Als Begründung dafür werden zahlreiche Verweise auf Bibelstellen angeführt (ebd., S. B2b, C2a). Angesichts des Zustandes der Welt fragte er, ob „der Herr ist kommen/ Gericht zu halten/ mit den Inwohnern im Lande? Tausend Jahr seyn vollendet/ davon in der Apocal. Joh. c. 20. geweissaget: Der Satan ist loß und außgangen/ das ist: Der Türcke kommet daher ut tempestas […]“ (ebd., S. C3a–b). Die Mitte der 1660er Jahre wieder näherrückenden Türkenkriege in Europa zeigten hier exemplarisch ihre Wirkung auf das Denken und Fühlen der damaligen Menschen. Bereits rund 20 Jahre zuvor hatte Meyer seine Naherwartung des Jüngsten Tages in seinen Schreibkalendern verkündet (vgl. z. B. Kalender für 1647, zweiter Teil, S. A1b, B1b, C1a, D1a).
Der Schreibkalender des „Johann Meyer“ war auf dem Kalendermarkt sehr beliebt, und so verwundert es nicht, daß es immer wieder Versuche gab, diesen nachzudrucken. Ein Beispiel berichtete Christoph Friedrich Zilliger in seinem Brief an den Rat der Stadt Braunschweig vom 11. September 1674. Diesem Brief legte er einen bei Jürgen Lüdeke, Kupferdrucker in Braunschweig, hergestellten Kupfertitel des Kalenders von → Johannes Mai bei. Dessen Kalender war von Daniel Müller in Magdeburg zu 500 Exemplaren gedruckt worden. Zilliger weiter: „Nun hat es damit eine solche bewandnüß, nach dem ich des Johann Meyers Calender von denen Meyerischen Erben zu Quedlinburg gäntzlich ab: und an mich erhandelt, denselben auch unter Churfl. Sächßl. Privilegio schon viele jahre hero notoriè verleget und gedrucket, daß sich darauff schon vor diesem dergleichen falsche Meyer, unter dem Nahmen Johannis May gefunden, welche den Meyerischen Calender mir abzustehlen und nachzudrucken angefangen“. Zilliger ersuchte nun den Rat gegen den Kupferdrucker in Braunschweig vorzugehen und den Raubdruck dem Rat von Magdeburg anzuzeigen (StA Braunschweig, Akte C II, Nr. 15, fol. 1–2, Zitat fol. 1r). Diese 1650 in Braunschweig erstmals herausgebrachte Kalenderreihe behielt bis 1803 den Namen „Johannes Meyer“ auf dem Titelblatt und erscheint noch heute in Braunschweig. Über die Zahl der verkauften Exemplare liegt aus dem Jahr 1701 eine Aktennotiz vor. Damals war es zu einem Streit zwischen Christoph Friedrich Zilligers Erben und den Buchbindern über den Verkauf von Kalendern gekommen. „Der seel. Zilliger habe seinen Erben das Privilegium Hzg. Rudolph Augusts über den Verkauf des Meyerschen Calenders als den besten zu jener Zeit besonders anempfohlen und sie daran ihr Brot haben […] Sie hatten davon jährlich ehedem 20.000 Stück abgesetzt. Diese Calender waren seit einiger Zeit im Auslande verboten, so daß sie jetzt keine 10.000 verkaufen können, weshalb sie darauf angetragen hatten, daß in den hiesigen Landen nur ihr Calender auch von den Buchbindern verkauft werden dürfte.“ Die Buchbinder erklärten, sie wollten den Verkauf des Meyerschen Kalenders fördern, wenn Zilligers Erben ihn dafür nicht an die Hausierer geben würde. (StA Braunschweig, Akte H V 118, Mappe „Kalender und Almanache“, unfoliiert; vgl. Deutsche Presse, 1996/1997/2003, Bd. 3.1, Sp. 15 mit weiteren Angaben zu späteren Auflagenhöhen).
Eine dritte Kalenderreihe mit dem vermeintlichen Verfassernamen „Johannes Meyer“ erschien in Minden, vermutlich gedruckt von Johann Piler, einem ehemaligen Gesellen von Christoph Friedrich Zilliger (Reske, 2007, S. 615). Die zwei einzigen bekannten Exemplare (für 1674 und 1676) dieser Reihe sind in der Stadtbibliothek Braunschweig und im Stadtarchiv Altenburg überliefert. Dasselbe Titelblatt wurde auch bei den Jahrgängen 1665 bis 1669 benutzt, die in Braunschweig gedruckt wurden.
Neben den großen Schreibkalendern in Quart erschienen und sind überliefert „auch Exemplare in 12° und 16° […]. Laut Archivalien auch in 8°, 32° und 48° vertrieben, außerdem Comptoir-Kalender auf einem ganzen Bogen, Tafelkalender auf einem halben Bogen“ (Deutsche Presse, 1996/1997/2003, Bd. 3.1, Sp. 14). Nach Meyers Tod wurde dessen Name mit Herkunftsbezeichnung („Aff Johanne Meyero, Qvedl. Saxon.“) von 1667 bis 1676 auch auf schwedischen Kalendern („Almanach“) in 16° verwendet (gesehenes Exemplar für 1672 in der Königlichen Bibliothek Stockholm, vgl. Klemming/Eneström, 1878, S. 15).
Meyer gab 1664 eine Schrift über das 1663 bei Quedlinburg gefundene Einhorn heraus (Dennert, 1952, S. 77; Krafft, 2013, S. 254; Krafft, 2015, S. 202). Denkbar ist, daß er darüber auch in seinem Quedlinburger Schreibkalender berichtete. In Quedlinburg gedruckte Exemplare für 1664 und 1665, die man zur Prüfung heranziehen könnte, sind vermutlich nicht überliefert. Bemerkenswert ist, daß dieser Quedlinburger Fund in einem anderen Schreibkalender erwähnt wird. → Johann Christoph Gottwald beschrieb am Schluß seiner Abhandlung über Einhörner im Kalender für 1678 auch das Quedlinburger Einhorn.
Eine von Meyer verfaßte handschriftliche Chronik der Stadt Quedlinburg wird in einem Archiv in Zerbst aufbewahrt (Dennert, 1952, S. 77).

Titel:
(1) 1636–1829: Schreib Calender [mit Stadtansicht von Quedlinburg; in Nachfolge von Majus Felicianus], Format 4°.
(2) 1650–1660: Schreib=Calender. 1661–1664: Schreib= und Hauß=Calender. 1665–1734: Schreib=Calender [… neben einem …] Hauß=Calender. 1735–1803: Schreib=Calender […] wie auch eine Genealogische Verzeichniß aller jetzt lebenden Höchst= und Hohen Häuser in Europa, Format 4°.
(3) 1674[?]–1676[?]: Schreib=Calender [… neben einem …] Hauß=Calender, Format 4°.
(4) [?]–1648–[?]: Schreib=Calender, Format 8°.
Druck und Verlag:
(1) 1636–[1638?]: Christoph Salfeld, Halle, [1640?]–1694[?]: Johann Ockel, Quedlinburg.
(2) 1650: Christoph Friedrich Zilliger, Braunschweig, [1651?]–1658: Druck Andreas Duncker d. J., Braunschweig, Verlag Gottfried Müller, Braunschweig, 1659–1660: Druck Christoph Friedrich Zilliger, Braunschweig, Verlag Gottfried Müllers Erben, 1661¬–1695: Druck und Verlag Christoph Friedrich Zilliger, Braunschweig, 1696–1698[?]: Christoph Friedrich Zilligers Erben, Braunschweig, [1699?]–1709:Christoph Friedrich Zilligers nachgelassene Witwe und Erben, Braunschweig, 1710–1716: Johann Georg Zilliger, Braunschweig, 1717–1803: Druck- und Verlagshaus Meyer, anfangs Henrich Wilhelm Meyer.
(3) Druck Johann Piler [?], Minden, Verlag Johann Ernst Heydorn, Minden.
(4) Johann Ockel, Quedlinburg.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 126. Ergänzung: SLUB Dresden, Mscr. Dresd. Q. 232 (Ex. der Reihe 4). Deutsche Presse, 1996/1997/2003, Bd. 3.1, Sp. 13–26. VD17. CERL.
Online:
(1) 1644, 1647, 1648, 1649,
(2) 1653–1656, 1661–1674, 1677, 1678, 1689, 1693, 1696, 1698, 1701
(3) 1676 [06.02.2015]].
Anderer Druck:
Über das 1663 bey Quedlinburg gefundene Einhorn. Quedlinburg 1664. Heute nicht mehr auffindbar, vgl. Dennert, 1952, S. 77.
Literatur:
Friedrich Dennert: Der erste Quedlinburger Kalender. In: Harz-Zeitschrift 4 (1952) 2, S. 73–78.
Hans Mertin: Der erste Herausgeber des Quedlinburgischen Kalenders. In: Am Heimatborn. Beilage zum Quedlinburger Kreisblatt, Nr. 120 (17.5.1927), S. 497f.
Heinz Ohlendorf: Dreihundert Jahre 1650–1950 Braunschweiger Kalender. In: Braunschweiger Kalender für 1950, S. 33–35.
Julius Reißner: Der Braunschweiger Kalender im neuen Gewande. Ein Beitrag zu dessen Geschichte. In: Braunschweiger Kalender für 1950, S. 31–35.
Hartmut Sührig: Die Entwicklung der niedersächsischen Kalender im 17. Jahrhundert. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Frankfurt am Main 1979, Bd. XX, Sp. 329–794, zur inhaltlichen Analyse einiger Kalender von Meyer: Sp. 409–411, 467–475, 629–655.

Erstellt: 06.02.2015
Letzte Aktualisierung: 08.01.2020

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