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Mercurius [Europaeischer Götterbote] (Pseud.)

„Der Europaeische Götter=Bothe Mercurius“ (Selbstbezeichnung auf dem Titelblatt, zit. 1692)
→ [?]
Kalender seit 1689, erschienen bis 1696

Diese Kalenderreihe zeichnet sich durch die Besonderheit aus, daß in der Textspalte auf den Recto-Seiten des Kalendariums die sonst in einem zweiten Teil abgehandelten prognostischen Kapitel (Witterung, Krankheiten, Fruchtbarkeit, Finsternisse, Krieg und Frieden) gebracht werden. Anschließend folgt ein bis zu 80 Seiten langer Bericht mit einer „Ausführliche[n] Sieg= und Kriegs=Beschreibung/ und Was sich sonst Merck= und Gedächtniß=würdig hin und wieder in unterschiedlichen Ländern/ Städten und Vestungen begeben und zugetragen hat“ (zitiert Kalender für 1692, S. D2a). Diese Beschreibung ist mit mehreren großen, aufklappbaren Kupferstichen illustriert (1692 sind es 6). Diese inhaltliche Ausrichtung auf die Zusammenstellung der wichtigsten politischen Ereignisse der zurückliegenden Jahre tauchte in einem deutschen Schreibkalender erstmals in dem „Kunst= und Hand=Wercks=Kalender“ für 1668 von → Johann Friedrich Juhrmann (Pseud.) und in dem „Zeit und Welt Trompeter“ ebenfalls für 1668 von → Samuel Hiltebertus auf. Danach findet man sie auch z. B. bei dem seit 1670 erschienenen „Europaeischen Chronicken […] Kalender“ von → Gabriel Bardewick, bei den ab 1688 erschienenen drei Kalenderreihen von → Gottfried Gütner sowie bei weiteren Kalenderreihen (vgl. Herbst, 2011b). Eine solche Ereignischronik als narrativ berichtender Textteil ist keine Besonderheit der Kalender mit einem hinkenden Boten als Erzählerfigur (vgl. Herbst, 2011a, S. 134f.).
Auch diese Kalenderreihe wurde sowohl für protestantische Gebiete als auch für katholische Gebiete gedruckt, denn es ist neben den „Alten und Neuen“ Kalendern auch ein „Neuer und Alter“ für die katholischen Gebiete überliefert (Ex. für 1696 in der BLB Karlsruhe).
Wer der Verfasser dieser Kalenderreihe war, wurde bisher in der Literatur nicht genannt. Vermutlich war es Joachim Müll[n]er aus Nürnberg (für den am 20. September 2017 gegebenen Hinweis auf Müllner und die nachfolgend angeführten Quellen danke ich Dr. Klaus Matthäus, Erlangen), denn dieser war beteiligt beim „Zusammenschreiben“ der Inhalte für die anonym erschienene Monatszeitschrift „Europaeischer Mercurius, Oder Götter=Both“ (Mercurius, 1689). Darin wurde in einer Ausgabe ungebührlich über den verstorbenen Esaias Pufendorf (1628–1689), von 1680 bis 1687 Kanzler der Herzogtümer Verden und Bremen, berichtet (Mercurius, 1689, Ausgabe Januar 1690, S. 86). Hierüber beschwerte sich der Bruder Samuel Pufendorf (1632–1694), seit 1688 Historiograph und Rat am brandenburgischen Hof in Berlin. Der Nürnberger Verleger Johann Hoffmann sollte deswegen vor dem Nürnberger Rat erscheinen und Auskunft geben, wer den Text verfaßt habe. Aus den Ratsprotokollen geht hervor, daß Hoffmann wegen Unpäßlichkeit der Forderung nicht persönlich nachkommen konnte und deswegen seinen Handelsdiener geschickt hat. Dieser berichtete, „dass die vorige monat des Europäischen Mercurii von des herrn baron Picklers secretario, der monat Januarius aber dies jahrs, worinnen das ausstreuen von denen herren Puffendorff enthalten, von obgedachtem Joachim Müller zusammengeschrieben, die ingredientia dazu aus Regensburg erhalten und das werk zu Altdorf gedruckt sei“ (Diefenbacher, 2003, S. 385).
Joachim Müll[n]er wurde 1647 in Nürnberg geboren (Will, 1755, Bd. 2, S. 678). Er studierte seit 29. Juni 1663 an der Universität in Altdorf (Steinmeyer, 1912, Bd. 1, S. 340 „[1663 VI.] 29. Joachimus Müllner Noribergensis“). Am 6. Oktober 1669 wurde er an der theologischen Fakultät der Universität in Straßburg immatrikuliert (Knod, 1897, Bd. 1, S. 643 „1669 Oct. 6. Joachimus Müllnerus, Noricus“). Nachdem er seit 1671 ein Kandidat des theologischen Amtes war, 1677 aber resigniert hatte, wurde er 1677 „als Corrector in der Felseckerischen Buchdruckerei copulirt mit Wolf Mart. Schubarts, Wechsel-Sensals, Wittwe“ (Will, 1755, Bd. 2, S. 678; ein Sensal ist ein Makler). Hier kam er notwendigerweise mit der Kalenderproduktion des Verlags der Felsecker in Berührung. Daß er später den „Europaeischen Mercurius“ nicht nur als monatliche Zeitschrift redigierte, sondern schon ein Jahr zuvor (1688) auch als Jahreskalender (für 1689), ist naheliegend, jedoch nicht bewiesen. Müllner starb vermutlich 1695 (vgl. Will/Nopitsch, 1802, Bd. 6, S. 458). Das könnte erklären, warum die Kalenderreihe nur bis 1696 erschien.

Titel:
(1) 1689–1696: [Erstes Blatt ist ein Holzschnitt, das zweite Blatt enthält das kaiserliche Privilegium] [Drittes Blatt] Des Europaeischen Götter=Bothens Mercurii […] Calender.
Druck und Verlag:
1689–1692: Druck Johann Heinrich Schönnerstädt, Altdorf, Verlag Johann Hoffmann, Nürnberg, 1693–1696: Druck Jobst Wilhelm Kohles, Altdorf, Verlag Johann Hoffmann, Nürnberg.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 125. VD17. CERL.
Online:
(1) [12.07.2017].

Erstellt: 12.07.2017
Letzte Aktualisierung: 30.10.2019

mercurius_europaeischer_goetterbote_pseud.txt · Zuletzt geändert: 2019/10/30 11:17 von klaus-dieter herbst