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matthaeus_heinrich

Matthaeus, Heinrich

„Leonhart Thurneissers zum Thurn Discipel etc. H. M. S.“; „Thurnh. Discipul Heinric. Matth. Stettin.“ (Selbstbezeichnungen auf den Titelblättern, zit. 1591, 1600)
* ? Stettin, † ?
Kalender seit 1590, verfaßt bis 1600

Über den aus Stettin stammenden Heinrich Matthaeus konnten keine weiteren biographischen Einzelheiten ermittelt werden. Daß sich Matthaeus als Schüler von → Leonhardt Thurneysser bezeichnete, begründete er damit, daß er Thurneyssers „hinderlassene Bücher vleissig durch[ge]lesen“ und „auch mitt jhm conuersiret/ [sic] vnd zwar von Astrologischen sachen“ (Matthaeus, 1591 (anderer Druck, Quellenzitat), S. A3a). Somit waren sich Matthaeus und Thurneysser einmal begegnet. In den ersten Kalendern gab er seinen Namen nur mit den Initialen „H. M. S.“ an, was „heist Heinrich Matthi Stetinensis“ (ebd., S. A3a; Matthi ist die verkürzte Form von Matthaei).
Der älteste bekannte Schreibkalender von Matthaeus ist auf das Jahr 1590 gerichtet und in der Universitätsbibliothek Jena überliefert. Ein weiterer für 1591 befindet sich in der Stadtbibliothek Budapest und das dazugehörige „Prognosticon Astrologicvm“ in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien sowie in der Marienbibliothek Halle. In der langen Vorrede des Prognostikums für 1591 legte Matthaeus seine astrologischen, theologischen und astronomischen Grundlagen, nach denen er sein „practiciren verrichte“, dem Leser vor Augen (S. A2a–4a). Offenbar hatte er sich Anfeindungen mit Blick auf „Teufeley oder Zauberey“ (S. A4a) auszusetzen.
Heinrich Matthaeus aus Stettin trat auch als Verleger eines Traktats von 1591 in Erscheinung, den er im Februar 1591 „zu Sprotte in Schlesingen“ verfaßt hatte (anderer Druck, Quellenzitat; Matthaeus befand sich demnach 1591 im niederschlesischen Sprottau, poln. Szprotawa). Mit diesem Traktat reagierte er auf Thurneyssers „Admonition Oder Warnung“ an die Kalendermacher, die sich fälschlicherweise als „Thurneyssers Discipul“ ausgaben (vgl. dazu bei Thurneysser). Hinter der Anspielung von Matthaeus, Thurneysser habe „allzeyt Magistros vnd andere Gelerte gesellen gehalten“ (Matthaeus, 1591, S. A2b, vgl. Quellenzitat), steckte unter anderem → Joachim Gropler. Da Matthaeus diesen Traktat in Erfurt drucken ließ, wird vermutet, daß dort auch seine ersten Kalender für 1590 bis 1592 gedruckt wurden (den Verlag übernahm Paul Brachfeld in Frankfurt am Main), was ab dem Kalender für 1593 (ULB Darmstadt, Hs 3460 (14)) belegt ist.
Martin Wittel in Erfurt druckte neben den Kalendern von Matthaeus etwa zur gleichen Zeit auch die Kalender von → Johannes Gerstenbergk.

Titel:
1590–[1595?]: Allmanach vnd Schreibkalender. 1596[?]–1600: Schreibkalender.
Druck und Verlag:
1590–1592: Druck [Martin Wittel ?, Erfurt], Verlag Paul Brachfeld, Frankfurt/Main, 1593–1595: Druck Martin Wittel, Erfurt, Verlag Paul Brachfeld, Frankfurt/Main, 1596–1600: Martin Wittel, Erfurt.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 124. VD16. CERL. Ergänzung: ULB Darmstadt, Hs 3460 (Ex. für 1590, 1592, 1593).
Online:
1590, Prognostikum 1591, Prognostikum 1596 [05.01.2015], Kalendarium 1600 [05.09.2017].
Anderer Druck:
Responsio Oder Antwort. Auff die Admonition oder Warnung/ welche in dem Namen Leonhart Turneissers/ wieder seine Calender Discipel außgangen. Darauß augenscheinlich zu mercken/ daß dieser Tractat nicht wieder alle Discipel geschrieben/ sondern nur von etzlichen zuverstehen. Vnd daß warhafftige erfunden werden welche sich weder jhres Namens noch deß verlägers schämen dörffen. Gedruckt zu Erffordt in verlegung Henrici Matthi. Erfurt 1591. ULB Halle, Pon IIm 729, QK.
Quellenzitat:
[S. A2a] „Antwortung Henrici Matthi Stetinensis auff Leonhart Turneissers Warnung.
Es ist nicht vorlang Günstiger Leser ein Tractetlin außgangen/ welches scharff vnd spitz gestellet/ wieder die Jenigen/ so jhre Calender vor Leonhart Turneissers fälschlich außgeben/ oder sich vor seine Discipel halten/ Welches zwar nicht in allen zuuerachten/ [sic] weil es daß notwendige Argument itziger zeyt tractieret. Den alzuvil erfunden werden/ welche auß vnbilligen vnd mutwilligen vornemen sich nicht schämen anderer schweiß vnd mühe zugenissen/ vnd in frembden federn daher zu fliehen/ das man also gute werck vnd Künste mitt Dölpischen vnd Schärtigen hubeln offt vberfehret/ die billig vor der gantzen Welt sollen zuschanden gemacht werden/ damitt nicht auß Bücherschreiben ein Esels Marck werde/ auß Truckerey nur triegerey erfolge.
Dieweil aber der Punckt zu tractiren an jhm selber wichtig/ hett sich der Autor der Affenteuerlichen art zureden/ vnd des Grichischteutschlateinischen bossenreissens vnnd flickwercks wol enthalten mögen/ dem mitt solchen sich der Autor (weil er also wie [A2b] er schreibet) mit Teuffelsdreck tapffer beräucht/ beschmeist vnd wol besudelt ist/ nicht abweschet/ butzet oder reiniget/ sondern gar in Kot biß vber die Ohren fellet vnd daß Kleydt so kurtzweilige Rhäte tragen mehr besudelt/ so mag er auch gut acht auff sich geben/ damit er den Rhetorischen Wendelstein/ mitt welchen er andere notiret/ als daß sie hetten ein vnschamhafftige vernunfft im Hirn/ ein ehrloß falsches betrügliches Hertz im Leib/ schandlicher verlogener dingen ein begirliche Leber in der Brust/ vnnd ein vnerbarlich Conscientz selber steige/ weil dadurch nicht geringe beweglichkeiten des gemüts zuvermercken. Er nimts aber nicht so genau/ den er saget/ es sey so nothwendig man halt gleich von mir waß man wolle: Non sequit sagt der Apt/ als könte der Pfarher den Bauren das Fluchen in der Predigt nicht genugsam ernstlich verbieten/ er Flucht den sehrrer als die Bauren selbst auff der Cantzel. Darumb wirt diß schreiben billig in grossen verdacht gezogen/ als das eß nicht Leonhart Thurneisser gemacht/ auch nicht sein befehl/ denn ob er wol allzeyt Magistros vnd andere Gelerte gesellen gehalten/ die jhm sein ding ordentlich vnd verstentlich/ auch scharffsinnig gespickt/ so hat es doch viel ein andere art (wiewol auch diese nach der Affenteuerlichen übung wol bestehet) welchs wol zumercken. Aber es sei nun dem wie jhm wolle/ es hab diß scriptum gemacht ein Gelerter Marcolphus Kurtzweil halben/ oder komme [A3a] von Rom/ so ist doch diß zumercken/ daß dieser tractat nicht soll noch kan von allen Calendern/ darauff stehet/ Calculirt vnd beschrieben durch Leonhart Turneissers Discipel/ verstanden werden. Den das es erstlich häfftig tadelt den falschen Kalender/ welcher in Turneissers Namen geschrieben/ vnd auch deß Discipels/ darauff ein frembt vnbekant ort Notopyrgen/ gehet den Turneissers Discipel durchauß nicht an/ darauff stehet H. M. S. Welches heist Heinrich Matthi Stetinensis/ vnd ferner in verlegung Paul Brachfelt. Daß ich aber meinen Namen nicht mitt außtrücklichen Silben geschrieben/ ist daß die vrsach/ damitt ich Gelerter Mathematicorum vrteil von meinen Calendern desto ehr mögte herfürlocken/ vnd also durch vertunckelheit des namens aus jhren vieleicht zuscharffer erjnnerungen etwas ferner begreiffen/ weil kein Mensch niemals so geschickt in der Welt gefunden worden der allein so viel/ als die andern alle könte. So hat auch dieser Discipel zu rettung seines Calenders gute macht sich nach seinen Meister zu nennen/ weil er nicht alleine seine hinderlassene Bücher vleissig durchlesen/ sondern auch mitt jhm conuersiret/ [sic] vnd zwar von Astrologischen sachen/ (sonderlichen deß Gestirns enderung/ als daß sich gar nicht auff der Alten Triplicitet jn Judiciren zuuerlassen/ weil etzliche vmb ein gantz Signum verrucket/ wie den der erste [A3b] Stern Arietis/ der 600. Jar vor den Ptolemeum in den ersten Punckt gestanden/ jetziger zeyt aber in den 28. Grad gerucket/ ist also sieder der Caldeer observirung mehr als vmb ein gantz signum verändert/ deßgleichen die Pleiades/ welche zur selben zeyt in deß Tauri Haupt gewesen/ nun aber in den Geminis gefunden werden) conferiret: gleichsfals von der rechten Magia Naturali/ die da muß vnd soll (man wolt den einen Krieg mitt der Natur anstellen) von aller Obrigkeyt zugelassen werden/ vnnd gedachter Herr Turneisser offten in seinen Präfationen vor den Calendern/ Hochrühmet/ wie die wahre Cabalistica daraus entsprungen/ disputiret. So gehet diese Admonition meine Calender auch darumb nicht an/ dieweil in denselben nicht gefunden wirt/ was dieser Autor tadelt/ denn da er meldet/ es stehe den 4. Januarij Neue Zeytung in India: findet man dargegen/ Gefahr in Pannonien/ vnd den 15. soll man finden/ viel Streit in Religionssachen/ lißt man verfolgung vieler frommen/ den 24. stehet grosser Frost/ ist aber zu sehen/ Bewart euer Feuer. Daraus denn volgen muß/ das jhm der Autor meinen Calender nicht vorgenommen hab zu Refutiren/ auch vieleicht wie geschehen. Wann man aber wolte ein ding Refutirn/ vnd auff diese weise/ das man nach einen zuvorersehenen fall/ (welchen nechst Göttlicher Allmacht vnd deß Fatums verhen= [A4a] gnuß die disposition der Sternen mit andern Natürlichen sachen verglichen/ etwas meldet) das Argument zunemen vnterstünde/ auß einem nachvolgenden Heiligen/ so künte kein Turneisrischer Calender sein tage bestehen: Wer könte nicht leichtlich (der nur ein messig ingenium hett/ vnd in der Kunst die Leute zum tumlen vnd tribulirn gar neulich angefangen/ eine alte Historien aus den vitis Patrum oder Legenden darauff accomodiren/ vnd an stat Kunstreicher vnd verborgener vrsachen/ jederman Lecherliche vnd Närrische geben. Will doch gleichwol hiemitt keinen andern defendirt haben/ denn mir wol bewust/ waß etzliche gewinnens halben vor Practicken vnd Partiten anstellen/ vnd sich selbest berümen/ wan sie auff diese art einen falschen Calender verfertiget/ vnnd vermercken daß sie einen fehlschoß mitt solchen gethan/ das nechste Jar hernach mitt einem andern Autorn behencken. Diesse vnd ander verfälscher sollen billig von allen erliebenden Menschen gehasset werden. Zum Beschluß dieser kurtzen verandwortung/ will ich den Leser vnnd Herren Leonhart Turneissern selbst gebeten haben/ das sie mir diese ehre nicht wolten mißgünnen/ sintemal ich hiermitt nicht eigen nutz Gesuchet/ die waren Künste vnnd Meister zuverkleinern/ sondern auß Raht etzlicher Gelehrter Leute darzu bewogen worden/ weil ich vornemlich lustige conuersation vnd tieffsinnende gedancken mitt euch gefüret/ vnnd heru= [sic] [A4b] che Alchimistische werck/ verrichten helffen/ vnnd daß jhr wo ich zu schwach auff den beinen/ mitt linden vnd weichen bändern mich füren/ wo ich auch gefallen/ denselben stein vnd Gruben weisen/ damit die rechte vnd ware Kunst der Natürlichen Magia fortgepflantzet/ der Schüller gebessert/ vnd der Präceptor hochgerümet ferner werde. Hiemitt Gott befohlen. Datum den 18. Februar. novi styli/ jetziger zeyt zu Sprotte in Schlesingen. Anno 1591.“ (Matthaeus, 1591).

Erstellt: 05.01.2015
Letzte Aktualisierung: 05.09.2017

matthaeus_heinrich.txt · Zuletzt geändert: 2019/10/24 13:51 von klaus-dieter herbst