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Die Kalendermacher in der Geschichte

Was ist ein Kalendermacher?

Ein Kalendermacher (gleichbedeutend Kalenderschreiber, Kalendariograph) ist eine Person, die die kalendarischen, astronomischen und astrologischen Grundlagen und Angaben eines Jahreskalenders erarbeitet und für einen handschriftlichen Kalender verwendet oder seit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts als Manuskript einem Drucker oder Verleger zur Veröffentlichung übergibt, wofür er ein Honorar erhält (bis zu ca. 50 Reichstaler pro Kalenderreihe). Bei den ab Mitte des 16. Jahrhunderts erschienenen Schreibkalendern in Quart übergibt der Kalendermacher zusammen mit den astronomischen und astrologischen Grundlagen und Angaben auch die informativen, unterhaltsamen und belehrenden Texte, die in der Textspalte des Kalendariums oder zwischen den kalendarischen Abschnitten des zweiten Kalenderteils, des Prognostikums, enthalten sind.
Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein sind die Kalendermacher als konkrete Personen namentlich belegt. Neben dieser klassischen Variante des Verfassens eines Kalenders trat seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, vor allem dann im 18. Jahrhundert die Variante einer „Kalenderredaktion“ auf. Hier wurden vor allem bei den anonym oder unter einem Pseudonym herausgegebenen Kalendern die Tätigkeiten aufgeteilt: einer steuerte die astronomischen und astrologischen Daten bei, ein anderer die Texte, ein dritter die Post- und Marktverzeichnisse (meist der Drucker). Von einem eigentlichen Kalendermacher kann man dann nicht mehr sprechen.
Bereits im 17. Jahrhunderts bildeten sich hinsichtlich eines Urheberrechts an einem Kalender (Verfassername auf dem Titelblatt, Titel, Textinhalte) Regeln heraus, die im Sinne eines Gewohnheitsrechts anzuwenden waren (Herbst, 2012d; Herbst, 2015c; vgl. Eichacker, 2013). Die Kalendermacher achteten selbst sehr genau darauf, daß diese Regeln von den Druckern und Verlegern eingehalten wurden, denn es galt ihre Ehre als „rechtschaffenen“ Autor zu schützen und den wirtschaftlichen Vorteil für sich bzw. ihre Erben zu sichern.

Der Kalendermacher als Gegenstand historischer Forschung

In verschiedenen Publikationen wurde sich den Kalendermachern mit ihren Kalendern und Lebensläufen gewidmet, doch sind diese auf bestimmte Regionen beschränkt; zum Beispiel bei Klaus Matthäus auf Nürnberg (Matthäus, 1969), bei Hartmut Sührig auf Niedersachsen (Sührig, 1979) und bei Josef Seethaler auf Wien (Seethaler, 1982). Auch sind einzelne Kalendermacher wie Abdias Trew und Johann Christoph Sturm, beide Physikprofessoren an der Universität Altdorf, Gottfried Kirch, Astronom in Leipzig, Guben und Berlin, und Johannes Magirus, Arzt und Mathematiker in Berlin, Zerbst und Marburg, bereits sehr gut erforscht. Aber erst durch die systematischen bio-bibliographischen Analysen zu allen namentlich bekannten Kalendermachern der Frühen Neuzeit kann die für die historische Forschung bedeutsame Frage nach den biographischen, literarischen und verlegerischen Verflechtungen dieser Gruppe von Publizisten mit anderen Gruppen, zum Beispiel den Gelehrten an Universitäten und Akademien, den Schriftstellern und Dichtern, den Herausgebern von Zeitungen und Zeitschriften, den Druckern und Verlegern sowie den politischen Entscheidungsträgern in den Räten der Städte und an den Fürstenhöfen zufriedenstellend beantwortet werden. Wer waren diejenigen, die mit ihren Texten in den großen Schreibkalendern seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit dazu beitrugen, daß in jeden Haushalt ein Lesestoff gelangte, der die Menschen anhand des Gelesenen allmählich zum eigenen Urteilen über die Vorgänge in der Natur und in der Gesellschaft brachte? Woher nahmen diejenigen, die auf diese Weise die Entwicklung hin zu einer am Ende des 18. Jahrhunderts aufgeklärten Gesellschaft mit beförderten, ihre Motivation und ihr Wissen? Das Handbuch bietet für die Antworten auf diese Fragen eine Materialsammlung zu den rund 570 namentlich bekannten Kalendermachern aus dem Zeitraum von 1540 bis 1700 sowie zu weiteren Verfassern von Schreibkalendern im 18. Jahrhundert, die schrittweise ergänzt wird.

Eine erste Auswertung des Materials wird in dem Aufsatz „Die Kalendermacher – Namen, Leumund, sozialer Status“ (Herbst, 2018c) sowie in der Einleitung (Herbst, 2018b) des Sammelbandes „Schreibkalender und ihre Autoren in Mittel-, Ost- und Ostmitteleuropa (1540–1850)“ (Herbst/Greiling, 2018) gegeben. Dem Verlag edition lumière bremen sei dafür gedankt, daß diese Texte auch an dieser Stelle veröffentlicht werden können.

die_kalendermacher_in_der_geschichte.txt · Zuletzt geändert: 2018/08/15 09:07 von klaus-dieter herbst