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Marquard, Andreas

„M. A. Marquardt“ (Selbstbezeichnung auf dem Titelblatt, zit. 1667)
* (getauft) 6.1.1634 Stralsund, † 9.3.1675 Stralsund
Kalender seit 1667, verfaßt bis 1669
Übernommene Reihe: → March, Caspar

Andreas Marquard wurde Anfang Januar 1634 in Stralsund geboren und am 6. Januar getauft (Kalender für 1667, zweiter Teil, S. G4b: „Ich bin allhie zum Stralsund getauffet in S. Jacobi Kirch/ Anno 1634. den 6. Januarij“). Die Eltern waren vermutlich Andreas Marquard der Ältere (gest. 20.2.1562), Kaufmann und Bürger in Stralsund, und dessen Ehefrau (gest. 1.1.1637) (Hamel, 2014, S. 261f. mit Verweis auf die Kirchenbücher im Pfarrarchiv zu St. Nikolai in Stralsund). Einzelheiten über einen Schulbesuch konnten nicht ermittelt werden. Mit 15 Jahren wurde Andreas Marquard der Jüngere am 23. Juli 1649 in die Matrikel der Universität in Greifswald eingeschrieben; er gehörte zu den „non iurarunt pueri scholares“ (Friedländer, 1893, Bd. 2, S. 25 „[1649] 23. Jul. Andreas Marquardt Stralsundenses 2 fl.“). Anschließend lernte er am Fürstlichen Pädagogium in Stettin (Hamel, 2014, S. 263), wo er 1656 disputierte (anderer Druck, Titel 1). Danach studierte er seit 1. Juli 1657 an der Universität in Wittenberg (Weissenborn, 1934, S. 566 „[1657] Mense Iulio. 1. Andreas Marqvardi Stralsun. Pome.“). Nachdem er dort zwei Disputationen absolviert hatte (andere Drucke, Titel 2 und 3), wurde er am 26. April 1659 zum Magister der Philosophie promoviert (Weissenborn, 1934, S. 566). In Wittenberg leitete er selbst am 14. Mai 1660 eine Disputation (anderer Druck, Titel 4).
In den Jahren 1661 und 1662 hielt sich Marquard in Danzig auf. Dort assistierte er den Astronomen Johannes Hevelius und Johannes Hecker. An Hevelius hatte sich Marquard bereits am 25. April 1660 mit einem Brief gewandt. Dieser und weitere 17 Briefe an und von Hevelius aus den Jahren 1660 bis 1669 sind in Paris in der Sternwarte bzw. Nationalbibliothek überliefert (siehe Herbst/Keyes, 2014, S. 349 und passim). Sowohl Hevelius als auch Hecker erwähnten diesen Aufenthalt in ihren Drucken (vgl. Hecker, 1662, S. C3b und Hevelius, 1673, S. 56).
Von Danzig aus zog Marquard weiter nach Königsberg. An der dortigen Universität schrieb er sich am 21. Juli 1662 in die Matrikel ein (Erler, 1910, Bd. 2, S. 28 „[1662] 21. Julij Mag. Marqvardt Andr., Stralsund. Pomeran., ex Academia Wittebergensi, iur.“). Einen Monat später, am 26. August, hielt er eine Pro-loco-Disputation an der philosophischen Fakultät (anderer Druck, Titel 5). In Königsberg muß er mit → Andreas Concius zusammengetroffen sein, der dort von 1652 bis 1664 die Professur für Mathematik inne hatte. Offenbar erschien Marquard die akademische Laufbahn nicht als Ziel, denn er bewarb sich auf eine Pfarrerstelle in seiner Heimatstadt Stralsund. An der dortigen Ratskirche der Stadt, der St. Nikolai-Kirche, wurde er am 23. September 1664 Diakon und am 20. Oktober 1670 Archidiakon (Hamel, 2014, S. 269). In Stralsund heiratete Marquard am 10. Januar 1665 Margarete Hagemeister. Er starb am 9. März 1675 (ebd., S. 270).
Andreas Marquard zeigte stets großes Interesse an der Astronomie. Den Astronomen Hevelius muß er mit seinem Können beeindruckt haben, denn Hevelius schenkte ihm ein Exemplar der „Selenographia“ (Hevelius, 1647). Der Schenkungsvermerk lautet: „M. Andreas Marquardi Stralsund: Pomeranus Ex Donatione Autoris“ (zitiert nach der Abbildung in Hamel, 2014, S. 266). An der Königsberger Universität vertrat er die moderne Ansicht von der kosmischen Natur der Kometen und geriet damit in Konflikte mit den Peripatetikern, die gemäß Aristoteles die terrestrische Herkunft der Kometen verteidigten (vgl. Hamel, 2014, S. 265). Nachdem Marquard wieder in Stralsund angekommen war, führte er dort am 31. August 1665 „die älteste dokumentierte astronomische Beobachtung in Stralsund“ – die Bestimmung des Durchmessers der Sonne – durch (ebd., S. 270), worüber er in seinem ersten Kalender ausführlich berichtete (Kalender für 1667, zweiter Teil, S. F4b–G1a).
In der Vorrede („An den günstigen Leser“) des ersten Kalenders führte Marquard autobiographische Details aus. So zeigte er sich dem Astronomen Hevelius als „meinem ehemals Hochgeehrten Hn. Hospiti, und dem Edlen Italiäner Hn. Vegisio, meinem treufleissigen Informatori“ sehr verbunden (Kalender für 1667, zweiter Teil, S. E2b). Er begründete, warum er mit dem Schreiben von Kalendern begonnen hatte damit, daß Caspar March, der auf den Lehrstuhl der Medizin an der Universität in Kiel berufen worden war, mit seinen Kalendern aufgehört hatte und er deswegen vom Verleger und von anderen Bürgern um die Fortführung der Kalenderarbeit gebeten wurde (ebd., S. E3a). Als ein Kennzeichen seiner Kalender hob er hervor, daß er wie → Peter Crüger, → Albert Linemann und → Lorenz Eichstädt bei den Jahresquartalen allgemein interessierende Frage stellen und diese ausführlich beantworten werde. Hierbei flocht Marquard auch neueste Erfindungen (z. B. das Mikroskop, siehe z. B. ebd., S. G3b) und Entdeckungen mit ein (zusammengestellt und kommentiert in Hamel, 2014, S. 280–283). Astronomiehistorisch interessant ist, daß er „denen Liebhabern der sinnreichen Eclipsographiae zu gefallen“ auch wesentliche Zwischenergebnisse bei den Finsterrechnungen nach den Rudolphinischen Tafeln (Kepler, 1627) in die Kalender setzte (z. B. im Kalender für 1667, zweiter Teil, S. H1a–b).
Aus seinem theologischen Denken heraus übte Marquard Kritik an den astrologischen Mutmaßungen in den Kalendern (siehe die Quellenzitate 1 und 2), auf die er aber aus verkaufsstrategischem Grund nicht verzichten konnte (vgl. bei → Gottfried Kirch und → Christian Grüneberg). Ein Jahrzehnt später unternahm der frühere Pfarrer → Johann Christoph Sturm den Versuch, einen Kalender gänzlich ohne Astrologie auf dem Kalendermarkt zu etablieren; und Mitte der 1680er Jahre war es der Rostocker Pfarrer → Johann Moritz Poltz, der einen solchen Kalender veröffentlichte. Daß Marquard in den 1660er Jahren noch nicht auf die seinem Denken zuwiderlaufenden astrologischen Mutmaßungen verzichten konnte, nahm er schließlich zum Anlaß, sich dem Kalenderschreiben nach nur drei Jahren wieder zu entziehen. Der Kalender für 1669 war „die dritte und letzte dieser Ahrt Arbeit“ aus seiner Feder. Hätte er mit dieser Arbeit „GOtt und dem Nechsten dienen“ können, hätte er nicht aufgehört Kalender zu schreiben (siehe Quellenzitat 3).

Titel:
1667–1669: Schreib=Calender [in Nachfolge von Caspar March].
Druck und Verlag:
Michael Meder, Stralsund.
Nachweis:
Herbst, 2008a, S. 124. VD17. CERL.
Andere Drucke:
(1) (Disputation) Johannes Micraelius (Praeses), Andreas Marquard (Respondent): Disputatio Politica De Statu Rerum Publicarum Ejusqve Variis Formis […]. 1656. Stettin. BSB München, Mikrofilm (Ksiąznica Pomorska, Kp.XVII.5238.I.adl).
(2) (Disputation) Balthasar Boebel (Praeses), Andreas Marquard (Respondent): Disputatio Philologica Secunda. De Theologia Gentili Ex antiquis nummis eruta & antiquitate illustrata, Complectens reliquos Deos Consentes […]. 20. Oktober 1658. Wittenberg. ThULB Jena, 4 Diss. philos. 26 (21) und 42 (72b). Und in anderer Bibliothek.
(3) (Disputation) Jacob Schnitzler (Praeses), Andreas Marquard (Respondent): Disputatio Astronomica De Stellis Fixis. 29. Januar 1659. Wittenberg. HAAB Weimar, 4° XV: 123 (Stück 41). Und in anderen Bibliotheken.
(4) (Disputation) Andreas Marquard (Praeses), Christian Schuler (Respondent): Dissertatio Optico-Astronomica De Variis Lunae Phasibus. 14. Mai 1660. Wittenberg. BSB München, 4 Diss. 1636, Beibd. 10.
(5) (Disputation) Andreas Marquard (Praeses), Jacob Klein (Respondent): Dissertatio Optico-Astronomica De Diametro Solis Apparenti, Quam adspitante Divino Numine, Indultu Amplissimae Facultatis Philosophicae Regiomontanae, Pro Loco Sibi In Eandem Benigniter Concesso […]. 26. August 1662. Königsberg. StA Stralsund, D 4° 81 f epsilon.
(6) (Disputation) Andreas Marquard: De cometarum sede, galaxiae materia, aestus marini periodis & causis. 2. Juni 1663. Königsberg. Zitiert nach Buck, 1764, S. 91.
(7) (Gelegenheitsschrift: Gratulation) Viro clarissimo domino Casparo Movio, Hactenus Sub-Rectori per annos triginta duos […] cum ei Conrectoratus ab […] Senatu demandaretur Praeceptori ac Hostiti Olim suo de se optime merito gratitudinis testandae causae […] gratulatur M. Andreas Marqvaedus. Stralsund 1667. BSB München, Mikrofilm (Ksiąznica Pomorska, Kp.XVIII.26347.I.adl).
(8) (Gelegenheitsschrift: Leichpredigt) Das gekrönte Alter der Frommen. Bey Christ=rühmlicher Beerdigung Des Weyland Wohl=Ehrenvesten/ Vor=Achtbaren und Wohl=vornehmen Herrn Nicolai Michaelis, Vornehmen Kauff= und Handels=Mann […]. Stralsund 1670. SBPK Berlin, Ee 700-2213, M. Online [27.09.2016]. Und in anderer Bibliothek.
Literatur:
Friedrich Johann Buck: Lebens=Beschreibungen derer verstorbenen Preußischen Mathematiker überhaupt und des vor mehr denn hundert Jahren verstorbenen großen Preußischen Mathematikers P. Christian Otters insbesondere in zwey Abtheilungen glaubwürdig zum Druck befördert. Königsberg, Leipzig 1764, S. 91.
Jürgen Hamel: Andreas Marquard, 1634–1675, Astronom und Pfarrer in Stralsund. In: Wolfgang R. Dick, Dietmar Fürst (Hrsg.): Lebensläufe und Himmelsbahnen. Leipzig 2014 (= Acta Historica Astronomiae, Vol. 52), S. 261–286.
Quellenzitate:
(1) „Soll ich nach Astrologischen Muhtmassungen frey reden/ sage ich […] Man muß mir was zu gute halten/ ich rede nicht nach meiner/ sondern des Haly und Albumasars Meynung/ massen sie hievon also in ihren uns hinterlassenen Schrifften urtheilen. Doch was darff ich viel Worte hievon machen/ und mich auff die Authorität der Alten beruffen? man wird mir dieses doch ohn das leicht zuglauben/ weil vielen schon der Glaube/ wird in die Hand gethan. Wil dennoch nicht zweiffeln/ Gott/ der aller Sternen Beherrscher ist/ werde hierin die Krafft derselben unterbrechen. Was ich auß dem Gestirne nehme/ sind nur Muhtmassungen/ auff welche ich keinen Eyd thun kan/ was ich aber nach der Confidentz, so ich zu meinem lieben himmlichen Vater habe/ rede und schreibe/ das muß nicht fehlen/ sonst müste die Warheit des Heldes in Israel/ auff welche sich mein/ und aller Gläubigen Vertrawen gründet/ fehlen/ das sey ferne.“ (Andreas Marquard: Schreib=Calender für 1667, zweiter Teil, S. F2a–b).
(2) „Ich rede dieses nicht von der rechten sondern thörichten albern Muhtmassung/ sonst gösse ich das Kind (wie man saget) mit dem Bade aus. Was mir in solchen Muhtmassungen beliebe und mißfalle/ und wie weit ich die Astrologiam gelten und nicht gelten lasse/ soll zu anderer Zeit angedeutet werden. Daß sich aber dennoch auch in meinem Jahr=Büchlein solche von mir selbst verworffene Vanitäten finden/ wie verantworte ich das? Es könte hie das gemeine gelten/ Ulula cum lupis, aber das wil bey Verständigen mich nicht entschüldigen. Drumb ist schon in der ersten Arbeit diesem Einwurffe auff andere Art begegnet/ indem ich solche auf Muhtmassen gegründete Urtheil nicht für Evangelia, sondern Arabische Grillen (wie sie also der berühmete Preussische Mathematicus Linemannus hat pflegen zu nennen) außgeben wollen. Auf die erste Ahrt würden die Leute betrogen/ auf die ander aber nicht; Verkauffete ich Mäusedreck (mit Ehren zu melden) für Pfeffer/ thäte ich unrecht/ nun es aber der Welt außdrücklich gesaget wird/ wie es mit der Wahre beschaffen/ sie aber dennoch (sich dadurch einen Appetit zu machen) selbige beliebet/ kan man ihr ja hierin ihren thörichten Willen gönnen/ als der auch in andern Dingen/ nur auf das/ so Staub und Koht ist/ gerichtet. Ich glaube/ wann die Welt keine Weissagungen/ im Calender/ für den sie nun etwa 5. oder 6. ßl. zahlet/ fünde/ sie gebe nicht 6. Pfennig dafür. Ja es soll heutiges Tages der Calender gar eine Bibliotheca portatilis seyn/ da wil man Historien/ Artzneyen/ Köchereyen/ Raritäten/ Vanitäten und alles zusammen in selbigen haben: Ich hätte ja auch wol das Papyr zu füllen/ aus [… nennt einige Literatur …]; Aber ich thu schon in Anführung der Astrologischen Muhtmassung mehr dann zu viel; Doch auch nicht zu viel/ weil nicht meine/ sondern der Herren Astrologorum Meynung gesetzet wird/ so wie sie selbige uns in ihren Canonibus entdecket hinterlassen. Ich sage/ hieraus muhtmasset der Astrologus so und so/ und daran liege ich nit/ ob aber die Canones der Astrologorum richtig/ das lasse ich Ptolomaeum, wie auch die Araber und Chaldaer, als Hermetem, Bethem, Almanzorem, Zahelem und andere/ so ich unter meinen wenigen Büchern habe/ verantworten. [… bringt Beispiele der Sinnlosigkeit …] Wann ich Zabelis Interpretem hierin solte consuliren/ würde mir vielleicht die Antwort werden/ der Canon wäre nur von denen Eseln des Arabischen Horizonts zu verstehen.“ (Andreas Marquard: Schreib=Calender für 1668, zweiter Teil, S. A2b–3b).
(3) „Günstiger/ Geehrter Leser/ diß ist die dritte und letzte dieser Ahrt Arbeit. Könte ich mit Calender schreiben GOtt und dem Nechsten dienen/ solte hiezu mein Gemüht nicht ermüden/ noch der Arabische Grillen=Keyl von Dinten leer seyn: Aber ich sehe nicht/ wie bißher einer berührter Dinge erhalten/ gebe derowegen/ in Erinnerung des bekandten/ Nisi utile est, quod feceris, vana est gloria: Eine undienliche Arbeit gebieret einen nichtigen Ruhm/ dem lieben Calender machen einen guten Tag. […] Da man aber aus allen 32. Winden uns solche Arbeiten zuschicket/ halte ichs unnöthig/ bey solchem Uberflusse noch ein und ander Tröpfflein wollen ins Meer schütten; […]“ (Andreas Marquard: Schreib=Calender für 1669, zweiter Teil, S. A3a).

Erstellt: 27.09.2016

marquard_andreas.txt · Zuletzt geändert: 2017/07/12 18:47 von klaus-dieter herbst