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Kirch, Gottfried

Gottfried Kirch

„von Guben in Nieder=Lausitz“ (Selbstbezeichnung auf dem Titelblatt, zit. 1667)
* 18.12.1639 Guben, † 25.7.1710 Berlin
Kalender seit 1667, einige Reihen wurden nach Kirchs Tod bis 1788 fortgeführt; → Adelbulner, Michael
Pseud.: → Fabricius, Georgius; → Gräuf, Jesaias; → Hipparchus; → Ptolomaein, Sibylla; → Rosenfeld, Johann Friedrich von
Übernommene Reihen: → Neubarth, Johann; → Richter, Christoph; → Schmidt, Nicolaus

Gottfried Kirch wurde als Sohn eines aus Joachimsthal stammenden Schneiders in Guben geboren. Er starb als Königlicher Astronom in Berlin.
Im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts zählte Kirch zu den herausragenden Kalendermachern und zu den führenden deutschen Astronomen. Er entdeckte am 4./14. November 1680 erstmals einen Kometen mittels Teleskop (Komet C/1680 V1), 1681 bzw. 1702 die Sternhaufen M 11 bzw. M 5 und 1686 den Veränderlichen χ Cygni. 1679 erfand er ein Schraubenmikrometer für astronomische Messungen.
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Guben wirkte Kirch zunächst als Schulmeister in Langgrün bei Greiz (ab ca. 1663) und Neundorf bei Lobenstein (bis 1673). Vermutlich war er schon damals Anhänger der Frömmigkeitsbewegung des 17. Jahrhunderts. Seit ca. 1669 wohnte er in Lobenstein, wo er am 20./30. März 1673 ein Haus kaufte. Ab 1673 bestritt er seinen Lebensunterhalt ausschließlich von den Einnahmen aus den herausgegebenen Kalendern, für die er pro Kalenderreihe bis zu 50 Taler von einem Verleger erhielt. Durch Vermittlung von Erhard Weigel kam Kirch 1674 zu Johannes Hevelius. Nach einem Studienaufenthalt in Königsberg (1675) kehrte er zunächst nach Lobenstein zurück, zog aber Mitte 1676 nach Leipzig (Eintrag in die Matrikel der Universität für das Sommersemester 1676). Er wohnte ab dem 14./24. Dezember 1676 im Collegium Paulinum der Universität. In Leipzig wirkte er mit Ausnahme der Zeit von September 1680 bis April 1681 (in Coburg) bis zu seinem Weggang nach Guben als Privatgelehrter. Die Übersiedlung erfolgte vom 20./30. (Abfahrt aus Leipzig) bis zum 24. Oktober / 3. November (Ankunft in Guben) 1692. Auch in Guben kaufte er sich ein Haus. In seine Geburtsstadt wich er aus, weil er sich als Pietist in Leipzig Anfeindungen der Gegner ausgesetzt sah. Nachdem Kirch bereits am 19. April 1700 kurz in Berlin weilte, ging er Mitte Juni (am 21. Juni schrieb er bereits einen Brief von dort) als Mitglied der Brandenburgischen Societät der Wissenschaften und als deren Astronom nach Berlin. Seine Familie zog wenige Wochen später nach.
Kirch war ein exzellenter Beobachter des Himmels. Die Instrumente ließ er sich zum Teil aus England schicken. Er baute selbst Fernrohre und verschickte diese an andere Beobachter. Seine Veröffentlichungen, insbesondere die „Himmels=Zeitung“ und astronomischen Ephemeriden für die Jahre 1681 bis 1692, wurden international beachtet. Die theoretischen Bemühungen richtete er auf eine verbesserte Berechnung der Finsternisse. Der ab 1675 von ihm geäußerte Vorschlag, eine Astronomische Societät in Deutschland zu gründen, konnte nicht verwirklicht werden. Für die Zeitschrift „Acta Eruditorum“ lieferte Kirch zahlreiche Beiträge, wobei er neben eigenen Beobachtungen auch die ihm durch seine ausgedehnte Korrespondenz zugeschickten Beobachtungsergebnisse veröffentlichte.
Astronomische Kenntnisse und Entdeckungen vermittelte Kirch auch in seinen Kalendern und kleinen Druckschriften. In den 1680er Jahren gab er bis zu 18 verschiedene Kalenderreihen pro Jahrgang heraus, darunter 14 große Schreibkalender, einen Kanzlei-Kalender, einen Handkalender, einen Reisekalender und einen Wandkalender. Er veröffentlichte sie nicht nur unter seinem Namen, sondern auch unter verschiedenen Pseudonymen und unter den Namen verstorbener Kalenderautoren, deren Kalender er weiterführte. Mit der Übersiedlung nach Berlin zeichnete er für die Kalender der Brandenburgischen Societät der Wissenschaften verantwortlich.
Die Texte der Kalender und kleinen Druckschriften weisen physiko-theologische und frühaufklärerische Gedanken auf. Ohne mit alten Gewohnheiten radikal zu brechen (z. B. bei der Wetterprognostik), verstand er es durch behutsames Kürzen bis hin zum Weglassen einzelner traditioneller Kalenderkapitel (z. B. das zu Krieg und Frieden) Raum zu schaffen für das Vorbringen neuer Gedanken (z. B. die Bewertung des Zeitunglesens als ein besseres Mittel zur politischen Information als das astrologische Deuten der Himmelserscheinungen). Durch die weite Verbreitung seiner Kalender (Druckorte waren Altenburg, Annaberg, Breslau, Brieg, Danzig, Erfurt, Gera, Jena, Königsberg, Leipzig, Nürnberg, Stargard, Zeitz, Zittau) und ihr hohes Bildungspotential mit aufklärerischen Akzenten zählt Kirch zu den Vertretern der deutschen Frühaufklärung. Einige Kalenderreihen tragen bereits seit den 1670er Jahren Züge eines astronomischen Jahrbuches, sie waren ein Medium für gelehrte Kommunikation. Schon zu Kirchs Lebzeiten half ihm seine Frau Maria Margaretha bei der Kalenderarbeit. Nach seinem Tod stellte sie die ihr gelieferten astronomischen Berechnungen und Texte für die Kalender zusammen und gab diese weiter heraus. Die astronomischen Rechnungen führte ihr Sohn → Christfried Kirch aus.
Aus seinen beiden Ehen (er heiratete am 18./28.6.1667 Maria Lang und am 8./18.5.1692 Maria Margaretha Winckelmann) gingen 14 Kinder hervor, von denen sieben das Kindesalter überlebten: Gottlieb, Heilmann, Theodora, Christfried, Christine, Dorothea Johanna und Margaretha; die anderen waren Friedemann, Ehrenfried, Guthmann, Marie, Sophie und zwei weitere Söhne. Sowohl von Kirchs zweiter Frau als auch von seinen Kindern ist bekannt, daß sie ihn bei den astronomischen Beobachtungen und Rechnungen unterstützten und zum Teil eigenständig Arbeiten ausführten. Bedeutsam sind die von Maria Margaretha in Berlin vom August 1700 bis Dezember 1701 aufgezeichneten Wetterdaten. Sie entdeckte 1702 einen Kometen. Christfried Kirch wurde 1716 zum Direktor der Berliner Akademie-Sternwarte berufen. Der älteste Sohn Gottlieb war Pietist und mit August Hermann Francke bekannt.
Zu Gottfried Kirchs Briefpartnern zählten die Kalendermacher → Johann Caesar, → Johannes Gaupp, → Melchior Griesser, → Christian Grüneberg, → Gottfried Gütner, → Georg Albrecht Hamberger, Constantin Gabriel Hecker (→ Ernestus Uranophilus (Pseud.), → Jacob Honold sen., → Jacob Honold jun., → Ulrich Junius, → Georg Krüger, → Friedrich Möller, → Philipp Jacob Oswald von Ochsenstein, → Christoph Richter, → Nicolaus Schmidt, → Johann Christoph Sturm, → Johann Heinrich Voigt, → Johannes Vulpius, → Johann Jacob Zimmermann. Darüber hinaus äußerten sich Kirch bzw. die Korrespondenzpartner in den Briefen zu den Kalendermachern → Alethophilus von Uranien (Pseud.), → Abdiel Bavai (Pseud.), → David Blaesing, → Friedrich Büthner, → Andreas Concius, → Peter Crüger, → Lorenz Eichstadt, → Wolfgang Sigismund Espich, → Marcus Freund, → David Frölich, → Stephan Fuhrmann, → Andreas Goldmayer, → Johann Grosse, → Johann Georg Grosse (Pseud.), → Peter Grünthal (Pseud.), → Johann Gottfried Grosse, → Raphael Gütner, → Valentin Hancke d. J., → Adam Herdtrich, → Gottfried Hoffmann, → Johannes Kepler, → Albert Linemann, → Andreas Marquard, → Benedix Marschklopff, → Johann Meyer, → David Miehel, → Abdalla Mirsai (Pseud.), → Necho von Alkair (Pseud.), → Christoph Neubarth, → Johann Neubarth, → Johann Wendelin Schuomayer, → David Schurer, → Johannes Carl Tatetius, → Abdias Trew, → Johann von VoigtsBurg (Pseud.), → Wolff Adam Wagenhalß.

Titel (ohne die der Pseud. und von anderen Autoren übernommenen Reihen):
(1) 1667–1788: Christen= Jüden= und Türcken=Kalender.
(2) 1677–1700: Astronomischer Wunder=Kalender.
(3) 1676 [–ca. 1690]: Kalender für Danzig [kein Exemplar ermittelt].
(4) 1683–1691: Kalender für Königsberg [kein Exemplar ermittelt].
(5) 1685–1687: Kalender für Schlesien [kein Exemplar ermittelt].
(6) vor 1694: Kalender für Zittau [kein Exemplar ermittelt].
Die anonym publizierten großen Schreibkalender der von der Brandenburgischen Societät der Wissenschaften zu Berlin herausgegebenen Reihen sind:
(7) 1701: Churfürstlicher Brandenburgischer/ Nach dem Evangelischen Reichs=Schluß/ Verbesserter Kalender.
(8) 1702ff.: Astronomischer Calender.
(9) 1702ff.: Haußhaltungs=Calender.
(10) 1702ff.: Historisch= Geographischer=Calender.
(11) 1702ff.: Gesprächs=Calender.
(12) 1702–1704: Curiositäten=Calender.
Keine großen Schreibkalender sind:
(13) 1681–1692: Schreib=Kalender/ In Cantzeleyen/ Aemptern/ Raths= und Richter=Stuben/ auch in Kram= oder Kauff= Läden/ desgleichen zu Hause und andern Orten/ nützlich zu gebrauchen.
(14) 1683: Nürnbergischer Gerichts=Kalender (das ist ein Wandkalender).
(15) 1680: Reisekalender [kein Exemplar ermittelt].
(16) 1683: Handkalender [kein Exemplar ermittelt].
Druck und Verlag:
(1) 1667: Matthäus Birckner und Samuel Krebs, Jena, 1668: Martha Hertz, Erfurt, 1669–1670: Georg Heinrich Müller, Gera und Johann Schumann, Zeitz, 1671: Marcus Hasse und Johann Schumann, Zeitz, 1672: Johann Nisius, Jena und Wolfgang Crell, Lobenstein, 1673: nicht erschienen, 1674: Gottfried Richter und Johann Brandt, Altenburg, 1675 und 1676: nicht erschienen, 1677–1680: David Nicolai, Annaberg, 1681 und 1682: nicht erschienen, 1683: Elias Fiebigs Witwe und Gottfried Kirch, Leipzig, 1684–1788: Endter, Nürnberg.
(2) 1677: Christoph Uhmann und Caspar Lunitius, Leipzig, 1679: Uhmanns Witwe und Lunitius, Leipzig, 1680, 1683, 1692: Johann Georg und Lunitius, Leipzig, 1685: Johann Nisius, Jena und Lunitius, Leipzig, 1687: Justinus Brand und Lunitius, Leipzig, 1693 und 1694: nicht erschienen, 1695–1699: Johann Köhler, Leipzig, 1700: Johann Nicolaus Ernst, Stargard.
(3) Christian Mannsklapp, Danzig.
(4) Christoph Lange, Königsberg.
(5) Johann Christoph Jacob, Brieg.
(6) ?.
(7)–(12) Verschiedene Drucker und Verleger im Auftrag der Brandenburgischen Societät der Wissenschaften zu Berlin (siehe Brather, 1993, S. 253–255).
(13) Johann Georg und Caspar Lunitius, Leipzig.
(14) Leonhard Loschge, Nürnberg.
(15) ?, [Leipzig?].
(16) ?, [Leipzig?].
Nachweis:
Brather, 1993, S. 233–258. Herbst, 2004a. Herbst, 2008a, S. 114f. Herbst, 2011a, S. 46f. Wernicke, 2012a, S. 29. VD17. CERL. Von (1) werden die frühen Jahrgänge als Reprint erneut publiziert, erschienen sind bis 2014 die Kalender für 1667, 1668, 1670, 1671.
Online:
(1), (2) [03.04.2014].
Andere Drucke (Auswahl):
(1) Stern=Lust/ Welche man vom 1. Octob. 1673. biß zu Ende des 1674sten Jahres haben kann […]. Altenburg [1673].
(2) Neue Himmels=Zeitung […]. Nürnberg 1681.
(3) Ephemeridum Motuum Coelestium [1681–1692]. Leipzig o. J. [jahrgangsweise erschienen].
(4) Europäischer Wandersmann. Leipzig 1681.
(5) Eclipsis Lunae an. 1682 d. 21 & 22. Febr. st. n. observata Lipsiae. In: Acta Eruditorum, 1682, S. 114–116.
Verzeichnis aller Drucke (Bücher, Flugschriften, Beiträge in gelehrten Zeitschriften) unter www.gottfried-kirch-edition.de [03.04.2014].
Literatur (Auswahl):
Klaus-Dieter Herbst (Hrsg.): Die Korrespondenz des Astronomen und Kalendermachers Gottfried Kirch (1639–1710). In drei Bänden herausgegeben und bearbeitet von Klaus-Dieter Herbst unter Mitwirkung von Eberhard Knobloch und Manfred Simon sowie mit einer Graphik von Ekkehard C. Engelmann versehen. Band 1: Briefe 1665–1689, Band 2: Briefe 1689–1709, Band 3: Übersetzungen, Kommentare, Verzeichnisse. Jena 2006.
Klaus-Dieter Herbst: Neue Erkenntnisse zur Biographie von Gottfried Kirch. In: Wolfgang R. Dick und Klaus Fritze (Hrsg.): 300 Jahre Astronomie in Berlin und Potsdam. Eine Sammlung von Aufsätzen aus Anlaß des Gründungsjubiläums der Berliner Sternwarte. Thun und Frankfurt am Main 2000 (= Acta Historica Astronomiae, Vol. 8), S. 71–85.
Klaus-Dieter Herbst: Der Societätsgedanke bei Gottfried Kirch (1639–1710), untersucht unter Einbeziehung seiner Korrespondenz und Kalender. In: Beiträge zur Astronomiegeschichte, Bd. 5, Frankfurt am Main 2002, (= Acta Historica Astronomiae, Vol. 15), S. 115–151.
Klaus-Dieter Herbst: Die Kalender von Gottfried Kirch. In: Beiträge zur Astronomiegeschichte, Bd. 7, Frankfurt am Main 2004, (= Acta Historica Astronomiae, Vol. 23), S. 115–159.
Klaus-Dieter Herbst: Die astronomischen Instrumente von Gottfried Kirch. In: Jürgen Hamel und Inge Keil (Hrsg.): Der Meister und die Fernrohre. Das Wechselspiel zwischen Astronomie und Optik in der Geschichte. Festschrift zum 85. Geburtstag von Rolf Riekher. Frankfurt am Main 2007 (= Acta Historica Astronomiae, Vol. 33), S. 203–228.
Klaus-Dieter Herbst: Wer half dem Astronomen Gottfried Kirch? In: Klaus Hentschel (Hrsg.): Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern, Zeichnern u. a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Diepholz, Stuttgart, Berlin 2008, S. 51–68.
Klaus-Dieter Herbst: Zum 300. Todestag des Astronomen und Kalendermachers Gottfried Kirch. In: Jürgen Hamel (Hrsg.): Gottfried Kirch (1639–1710) und die Berliner Astronomie im 18. Jahrhundert. Beiträge des Kolloquiums am 6. März 2010 in Berlin-Treptow. Frankfurt am Main 2010 (= Acta Historica Astronomiae Vol. 41), S. 22–33.
Klaus-Dieter Herbst: Ein Gelehrter zwischen den Welten: Gottfried Kirch und seine aufklärerischen Visionen. In: Ebd., S. 133–153.
Verzeichnis der gesamten wesentlichen Sekundärlitertur zu Kirch unter www.gottfried-kirch-edition.de [03.04.2014]. Vgl. bei Wikipedia, wo allerdings nicht alle Aussagen zutreffen (z. B. stimmt es nicht, daß nach Kirchs Tod „seine Frau die Kalenderrechnungen fort[führte]“, denn diese war dazu nach eigener Aussage nicht in der Lage und mußte deswegen den Sohn Christfried Kirch um Ausführung der astronomischen Rechnungen bitten, siehe Herbst, 2008b, S. 60–65).

Erstellt: 03.04.2014

kirch_gottfried.txt · Zuletzt geändert: 2017/09/08 18:06 von klaus-dieter herbst